Fußball in der Austastlücke

Eine Reise durch die wunderbare Welt des Videotext

 

Unternommen von Stefan Erhardt

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Am Anfang steht die Aufklärung. „Zur Online-Redaktion? Da müsse se da schräg rübbe laufe, da stehe da so rostiche Figure, durch die müsse se durch, und da wattet de Kolleche schon“ – so klärt mich der nette, trotz hochsommerlicher Temperaturen mit geschlossenem weißem Hemd seinen Dienst tuende Pförtner auf. Zum SB will ich, zum „Sendebetriebsgebäude“, und Horst Antes hätte wahrscheinlich im Grab kurz gegrinst, wenn er die ephemere Beschreibung seiner Kopffüßler gehört hätte.

 

 

Angenehm kühl ist’s im SB, und Benjamin Donath, der mir die wunderbare Welt des Videotext heute erklären helfen soll, führt mich auf dem Weg zur Redaktion noch am „Aktuellen Sport-Studio“-Studio vorbei. Wie so oft, die Realität sieht kleiner aus – so auch das Studiorund, das weiter scheint, wenn man es durch die Linsen der Kameras präsentiert bekommt. Da hat also die Woche zuvor Christoph Daum seine letzten Durchhalteparolen verkündet – Schnee von gestern, ist man geneigt zu sagen, nun, da die Eintracht abgestiegen ist. Was sie an diesem Samstag, dem vorletzten Spieltag, zielsicher gegen Köln vorbereiten wird.

Videotext – seit gut 40 Jahren schon schleichen die eckigen Buchstaben und Zahlen durch die Abtastlücke, und seit 40 Jahren hat sich an der computertechnisch vorsintflutlich anmutenden Cursor-Optik aus C-64-Zeiten kaum etwas verändert. Wobei – und da klärt mich Benjamin Donath gleich auf: es heißt eigentlich Teletext; der Begriff Videotext wurde nur deshalb Ende der 70er Jahre gewählt, um ihn vom Teletex-Angebot abzusetzen – ein T weniger, und man wäre beim Enkelkind des alten Fernschreibers gelandet.

Hier drinnen in der Schaltzentrale des ZDF begrüßt einen genau der Charme jener poppigen Jahre, die Wandpaneele in knalligem Preußischblau, die Türen in schreiendem Orange, und irgendwo steht wahrscheinlich noch ein Afri-Cola-Automat. Definitely seventies auch das Tipp-Kick-Spiel der Teletext- und ZDFonline-Redaktion, die zwei Büroräume gemeinsam belegen. Das Spiel ruht jedoch an diesem Samstag in seiner Schachtel an der Wand unter den Monitoren. Aus gutem Grund – zum einen ist natürlich Dienst Dienst, und zum andern wird’s heute hektisch werden, wenn neun Erstligaspiele parallel zu bearbeiten sind.

 

Noch allerdings herrscht die gespannte Ruhe vor dem Sturm. Einzig Peter Mayer ist ein wenig zappelig – verständlich, für seine Mainzer geht es heute um die Europa League. Zusammen mit Gerhard Crispin und Frank Schmidt bestückt er die ZDF-Onlineseiten mit Sportinfos, und sie müssen genauso wie die drei Teletexter ständig am Ball sein. Das heißt: um Ergebnisse und Torschützen brauchen sich letztere nicht zu kümmern. Das erledigt seit 2004 Infostrada Sports, eine Firma mit Sitz in Holland für sie.

Was bleibt dann noch zu tun? Andreas Heck, verantwortlich beim ZDF für den Bereich Sport in der Hauptredaktion / Neue Medien und eben auch den Videotext, hatte mich im Vorfeld gewarnt – wenig Spektakuläres würde es zu sehen geben beim Texterstellen. So scheint es auf den ersten Blick auch zu sein – leger geht’s zu kurz vor Anpfiff, die Sky-Bilder aus den Stadien sind auf den Schirmen, auf einem Nebenschirm läuft Handball im Wechsel mit Eishockey, die Teletextprogramme stehen auf den Monitoren bereit, als erstes werden die Vorberichte verschwinden, die seit Freitag zu lesen waren.

Dann gilt es, „die Magenta-Markierungen zu setzen“, wie Donath erklärt: jene rotlilagefärbten 0:0, die dem Videotextseher signalisieren, das Spiel hat begonnen. Alles andere – auch der Liveticker – kommt aus Nieuwegein über Mainz in die Fernsehgeräte bundesweit. Was nicht der direkte Weg ist – weshalb es auch schon mal ein paar Minuten dauert, bis die purpurrote Doppelnull den Spielstart signalisiert, obwohl das Spiel längst angepfiffen ist.

 

 

Online ja – aber dass jemand die Liga nur mit Videotext verfolgt? Kaum vorstellen kann sich das Andreas Heck, als ich am Telefon mit ihm meinen Besuch abspreche. Aber ich kann dagegenhalten: zahllose Freunde, Bekannte, die am Samstagnachmittag nicht den bewegten Bildern, sondern den eckigen Zeichen vertrauen, allenfalls noch die Sportsendung im Radio nebenher laufen lassen. Ihre eigenen Spielinszenierungen sich in den Köpfen zusammen­basteln, gespeist vom Liveticker, der Livetabelle, dem unerwarteten Umschalten einer Null auf eine Eins, und natürlich von den Statistiken.

Da hat der ZDFtext einige zu bieten. Bzw. die Firma aus Holland. Pässe gespielt, Pässe angekommen, Torschüsse, Torvorlagen – wer die Zahlen lesen kann, kann auch das Spiel lesen. Früher noch, bevor man die Niederländer in Anspruch nahm, war das eine Kernaufgabe der Redaktion – und Jens Bednarek, einer der drei Teletexter, die heute Nachmittag je drei Spiele betreuen, wischt sich imaginär den Schweiß von der Stirn. Denn dass da ab und zu die pure Hektik ausbrach, kann man sich leicht vorstellen: Tor in Dortmund – wer war der Torschütze? In welcher Minute? Sofort die Tabelle ändern. Torverhältnis anpassen. Tor in Berlin – und Tor in München. Und nicht zu vergessen: jede Menge last-minute Aus- bzw. Einwechslungen, von den gelben oder roten Karten gar nicht zu reden.

„Bei Pokal- oder Länderspielen machen wir das auch immer noch selbst,“ fügt Bednarek an, nicht ohne Stolz, aber auch mit einer Spur Erleichterung in der Stimme. Donath relativiert: „Das war früher, als wir das noch selbst gemacht haben, schon eine sehr kleinteilige Arbeit“ – vor allem wenn man bedenkt, dass gleichzeitig auch noch der Nachbericht zu schreiben war, denn der sollte ja so schnell wie möglich nach dem Spiel zu lesen sein. „Das war schon extrem fehleranfällig,“ meint Donath, „da gab es dann immer noch einiges nachzubereiten.“ Insofern sind die Einspeisungen aus Holland durchaus „eine große, große Entlastung.“

 

 

Auch, was die Statistiken betrifft. Da hat jedes Team seine Seite. Auf den ersten Blick erscheinen diese Seiten wie eine rätselhafte Namen- und Zahlenwüste, die sich aber – auf den dritten und vierten Blick – als aufschlussreicher Subtext zum laufenden Spiel entwickelt. Im Gegensatz zum ARDtext, der lediglich Torschüsse, Fouls, Abseits und Ballbesitz registriert, kann man mit Hilfe der Daten auf ZDFtext tatsächlich ein Spiel mitlesen – mit gewisser Übung, versteht sich. „Fans, die in die Tiefe gehen wollen, fühlen sich da bei uns ganz gut aufgehoben,“ meint Donath.

Was das ZDF nicht bieten kann: die Seite 223. Die liefert beim Videotext der ARD blitzlichtartig Kurzbeschreibungen aus den jeweiligen Stadien – beim ZDF begnügt man sich mit der Seite 222, dem Liveticker. Was wohl daran liegt, dass die ARD mit wesentlich mehr Personal ihren Text erstellen lässt: „Ich bin mir sicher, dass die da noch jemanden extra sitzen haben, der nur diese Seite bestückt,“ ist Donaths Vermutung.

Dass die Technik nicht immer hundertprozentig mitspielt, davon weiß man in der Redaktion auch. Nervös wird man aber nur, wenn man selbst nicht eingreifen kann – wenn der Server in Holland gerade streikt oder es ein Problem mit der Datenleitung gibt. „Alles schon vorgekommen – dass seit zehn Minuten kein aktuelles Ergebnis mehr kommt,“ weiß Bednarek. „Da sitzen wir hier schon mal und raufen uns die Haare...“ Obwohl: in solchen Notfällen können sie doch noch aus Mainz sich einschalten, im „Havariemodus“, wie Donath schmunzelt. „Hab ich aber lang nicht mehr erlebt.“

 

 

Wie konnte sich ein Technikfossil wie der Teletext über 40 Jahre halten – trotz doch sehr limitierter Möglichkeiten? Nicht trotz – sondern gerade deswegen, postuliert Benjamin Donath. „Die Unmittelbarkeit macht’s aus – man braucht ja nur den Fernseher anschalten, auf Text gehen und hat alle wichtigen Infos zur Hand. Das gibt’s in der Art beim Internet nicht“, preist er das kühle Medium.

Eine Grundlage sei Teletext – nicht mehr, aber auch nicht weniger. „Bevor ich hier angefangen hab zu arbeiten, war Teletext immer meine erste Anlaufstation, um mich zum Beispiel über Sport zu informieren,“ erklärt er. „Da ist auf einen Blick alles Wesentliche zu sehen. Besonders in der Transferperiode ist das spannend, wenn viele Wechsel anstehen.“ Aber natürlich: „Wer’s genauer wissen will, der kauft sich eine Zeitung oder geht ins Netz, aber oft reicht die Kurzinfo ja schon aus, um Bescheid zu wissen.“ So circa vier bis fünf Millionen Nutzer gibt es – pro Tag, ergänzt Andreas Heck, und zu bestimmten Ereignissen wie den Olympischen Spielen steigt der Sportanteil im Teletext auf rund die Hälfte der Gesamtnutzung. „Im Normalfall ist es rund ein Drittel – ein echtes Massenmedium“ ist für ihn der Teletext damit und ein „superpuristisches“ dazu.

Möglichkeiten, das Teletext-Angebot anzureichern, attraktiver zu gestalten, gäbe es technisch durchaus. Versuche wurden unternommen mit Digitext, einer Art aufgewertetem Teletext mit Bild, aber so richtig durchgesetzt habe der sich nicht, meint Donath. Und wenn TV mit dem Internet eines Tages zusammengeht? „Da bin ich gespannt, ob der Videotext das auch überleben wird.“ Zuversichtlich ist er – denn demnächst soll es eine neue eigene Internetseite geben für den ZDFtext, der jetzt schon auch online vollständig einsehbar ist. Was eine engere Verzahnung von Online- und Teletextredaktionsarbeit zur Folge haben wird. Nicht nur für den Bereich Sport – die große Stärke des Teletexts, die knapp formulierte, präzise Nachricht, auf ihren Kern reduziert, käme noch besser zum Tragen. Superpuristisch eben – auch im digitalen Zeitalter üppigst verfügbaren Contents durchaus ein Desiderat.

 

 

In diesen Bahnen dachte man damals noch gar nicht, als ARD und ZDF ihr Angebot konzipierten, das am 1. Juni 1980 als bundesweiter Feldversuch auf Sendung ging. Drei Jahre später präsentierte der WDR als erste Landesanstalt ein regionales Teletextangebot in seinem dritten Programm. Zehn Jahre dauerte der Testbetrieb – dann befanden die beiden öffentlich-rechtlichen Sender, dass es an der Zeit wäre, den Videotext regulär anzubieten. Nach zehn weiteren Jahren ging man getrennte Wege: seit dem 1. Januar 2000 bieten ARD und ZDF je eigene Textseiten, im letzten Jahr feierte man den 30. Geburtstag.

Im Jahr zuvor, auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin, konnte man einen Blick auf den Videotext der Zukunft werfen. Ein neuer Standard, das sogenannte Hybrid Broadcast Broadband TV (HbbTV), verbindet Sendesignale mit dem World Wide Web – eine neue Herausforderung sicherlich, denn neben Mediatheken, Fernsehen auf Abruf, Spielen oder sozialen Netzwerken sollen auch die programmbegleitenden Dienste wie digitale Teletexte angeboten werden. Teletext auf neuem Level.

Mittlerweile sind die ersten zehn Minuten absolviert, die Redakteure (und ja, es gibt auch Redakteurinnen, nur in der heutigen Crew nicht) verfolgen noch sehr gelassen die Konferenzschaltung. Dass Westermann in der zweiten Minute den HSV gegen Leverkusen in Front gebracht hat, Bremen durch Silvestre in der sechsten Minute gegen den designierten Meister Dortmund in Führung ging wie gleichzeitig die Wolfsburger das gegen Kaiserslautern taten – na ja, noch sind 84 Minuten zu spielen. Aber noch keine Tore auf Schalke, in Stuttgart, in Frankfurt, in Gladbach, in Nürnberg, auf St. Pauli. Moment: gerade netzt Gomez dort ein, und keiner ahnt, dass er damit die große Torparty der Bayern eröffnet.

 

 

Welche Millionen Fußballfans in Deutschland an dem Tag irgendwo mitverfolgen, sei es in der Kneipe, sei es im Stadion, sei es auf dem heimischen Sofa – oder unterwegs und draußen auf dem Smartphone. Ob die schöne neue App-Kultur nicht dem Teletext das Wasser abgrabe, will ich von Benjamin Donath wissen. Nein, denn dem stünde das, was oft bei den Öffentlich-rechtlichen so verschrien werde, nämlich die Altersstruktur der Zuschauer, entgegen: „Von den älteren Menschen wird der Videotext sehr sehr stark genutzt,“ meint er, „das ist einfach kein App-Publikum und wird’s so schnell auch nicht werden.“

Wie überhaupt er diese Altersgruppe als prominent ansieht: „Das sind die Leute, die dieses Medium gelernt haben, deshalb wird sich das auch noch eine ganze Weile halten.“ Dabei sieht er sich und seine Generation durchaus mit von der Partie: „Ich nutze ja mehrere Quellen parallel,“ lächelt der 32-Jährige, „ich schau ganz klassisch in den Teletext wie auch aufs Smartphone, und das ist bei vielen meines Alters so.“ Dass dem Charme des Puristischen sicher auch Jüngere erliegen, belegt zum Beispiel die Jugendausgabe der Süddeutschen, jetzt, die im April dieses Jahres respektvoll mit „Herzlichen Glückwunsch, Retro-Fernsehen“ das Medium feierte, das „viele abgeschrieben haben“.

Vielleicht auch, weil sie noch ein altes Fernsehgerät hatten, als sie zuletzt im Teletext blätterten. Das konnte nämlich mitunter ganz schön nerven – von der Seite 200 mit der Übersicht zu den Sportnachrichten zur Seite 251 in einer Minute dreißig Sekunden, weil der Umweg über die Seiten 300 bis 899 noch genommen wurde. Oder umgekehrt, von 899 rückwärts, wie es eine Zeitlang bei arte der Fall war. Was einen Proteststurm auslöste, so dass man schnell umstellte.

 

 

Die neuen Geräte können da mehr: sie speichern einfach die Textseiten intern, und kaum sind die drei Zahlen auf der Fernbedienung gedrückt, ist die Seite auch schon da. Und das lästige Warten aufs Umschalten zur Unterseite bei den sogenannten Rollseiten entfällt mittlerweile ebenso – ich muss also nicht mehr zehn oder zwanzig Sekunden warten, quälend lange für einen Fan, der die neue Tabellenkonstellation in der Regionalliga sehen will.

Beschwerden in dieser Hinsicht sind Geschichte. Aber gibt es sonst Rückmeldungen, Kritik, Briefe, Mails an die Redaktion – wenn vielleicht der falsche Torschütze angezeigt wird oder im Text ein Komma fehlt? „Interessanterweise kriegt man die bei Teletext viel stärker als bei Online,“ weiß Donath aus eigener Erfahrung, „und oft auch von Lehrern!“ fügt er verschmitzt hinzu. Wegen Kommafehlern werde nicht unbedingt die Redaktion behelligt – „obwohl, ich bin manchmal erstaunt, weswegen Leute zum Hörer greifen und ihrem Ärger Luft machen.“ Mitunter fällt die Kritik aber auch auf die Kritisierenden wieder zurück, und Donath erzählt die nette Geschichte, als der Spieler Trinks bei Werder in einem Spiel in der Formation stand und ein Teletextleser tatsächlich in einer Mail deutlich darauf hinwies, dass der Spieler doch immer noch Frings heißen würde.

Wie genau der Text „gelesen“ wird, sollte man nicht unterschätzen. „Wir hatten mal beim Spiel BVB II gegen Osnabrück die falsche Zuschauerzahl auf der Seite, 8.000 hatte Infostrada Sports eingespeist, woraufhin ein Zuseher anrief und meinte, da wären mindestens 25.000 im Stadion!“ Ein böser Patzer? Bednarek lächelt gelassen: „Ich hab versucht dem Anrufer klarzumachen, dass ich da gar keinen Einfluss drauf habe, weil das zugeliefert wird, und ich, selbst wenn ich die Zahl korrigeren könnte, bei der nächsten Einspeisung aus Holland einfach wieder überschossen werden würde.“ Was den Herrn allerdings auch nach dem vierten Anruf nicht zufrieden stellte. „Manchmal bekommen wir Mails, das geht teilweise schon ins Beleidigende,“ meint Bednarek. „Da gab es schon Aufforderungen, uns alle in der Redaktion zu entlassen, weil wir doch nur Hohlköpfe wären... das ist zunächst ärgerlich, später eine nette Anekdote.“

 

 

Wie die vom Eishockeyspiel. Da hatte Infostrada Sports das echte Ergebnis aus Versehen umgekehrt, so stands im ZDFtext. Am nächsten Tag dann kam der Anruf eines Sportwetters, er hätte das tatsächlich richtige Ergebnis getippt gehabt, im Videotext aber das andere gesehen und daraufhin seinen Schein zerknüllt und weggeworfen – ob das ZDF jetzt für seinen verlorenen Gewinn aufkäme. „Dem konnten wir dann leider nicht weiterhelfen,“ lächelt Bednarek versonnen.

Zuweilen sind auch Anregungen unter den Zusendungen dabei, Verbesserungsvorschläge, die, so sie gut sind, dann schon mal umgesetzt werden. „Die Anzeige des Torschützen auf der Seite 251 zum Beispiel, das geht so weit ich weiß auf Zuschauerzuschriften zurück,“ erinnert sich Donath. Beantwortet werden solche Mails wie alle anderen Zuschriften oder Anrufe von der Redaktion selbst. Wobei das nur eine Nebentätigkeit ist.

Das Kerngeschäft liegt nach wie vor im Abfassen von Nachrichten – und was so kinderleicht aussieht, ist durchaus eine Kunst. Genau 23 Zeilen mit je 39 Anschlägen stehen zur Verfügung – mehr geht nicht auf eine Seite. Lediglich 96 Zeichen gibt es, Buchstaben, Zahlen und einige Sonderzeichen. Die Kunst der Reduktion – oder anders gesagt: Wie schaffe ich es, eine Meldung so auf den Punkt zu bringen, dass sie genau das vorgegebene Format ausschöpft, alles Wesentliche beinhaltet und dabei gut lesbar und pfiffig formuliert ist?

 

 

Diese job description mag immer noch nicht abendfüllend erscheinen. Ist sie aber. Man nehme sich eine beliebige Meldung und kondensiere sie auf 897 Zeichen, Leerzeichen mitgezählt. Ein mehr als abendfüllendes Gesellschaftsspiel, wenn man das so mal durchführen will. Mit der Zeit stellt sich eine gewisse Übung ein, bestätigt Jens Bednarek. Dazu gehöre auch, schon während des laufenden Spiels den Abschlussbericht vorzubereiten. Natürlich nicht zu viel – „was, wenn bei einem Null-Null in der 92. Minute ein Tor fällt? Das heißt dann: alles noch mal...“

Auch Donath weiß noch von seiner Zeit als Hospitant, dass er sich das wesentlich leichter vorgestellt hatte. „Ich weiß noch, ich musste da eine Meldung machen über Roy Keane, der sich verletzt hatte, und die Vorlage war soo ein Text –“ seine Hände schweben zwischen Kinn und Bauchnabel – „und ich musste das auf eine Teletextseite eindampfen, da hab ich über eine Stunde gebraucht dazu.“ Gezielt Teletextredakteur wollte er eigentlich nie werden, wie die meisten anderen auch nicht, die vor den Monitoren hier sitzen. „Viele rutschen da so rein, über den Online-Journalismus und die Online-Redaktion hier.“ Gefragt ist beides – so wird es hier auch praktiziert.

Ohne Ahnung vom Sport geht es allerdings nicht. „Man muss schon die Sportsprache kennen,“ meint Donath, sonst würden die Texte schief. „Da kann jemand noch so toll schreiben können, aber wenn er noch nie eine Fußballnachricht gelesen oder geschrieben hat, merkt man das total.“ Und ohne journalistische Ausbildung wäre das Arbeiten in der Redaktion ohnehin nicht möglich.

 

 

Inzwischen hat sich der Spieltag in die zweite Halbzeit katapultiert, Lautern führt in Wolfsburg, Hoffenheim hat in Nürnberg ausgeglichen, was den Mainzer Fan befeuert. Immerhin hat er einen – aber auch nur einen – tröstenden Blick für den leidenden Eintracht-Anhänger übrig. Mir ist klar: wäre ich heute nicht in seinem „Revier“, bekämen die Adlerträger gehörig ihr Fett weg. Nicht, dass sie es nicht verdient hätten, denke ich mir im Stillen, und: Auch eine Möglichkeit, hier auf Reportage den Abstieg seines Teams mitzuerleben!

Dennis Rink, der dritte Teletext-Redakteur am heutigen Tag, hat die Halbzeitpause genutzt und schon ein paar Sätze zu „seinen“ drei Spielen getippt. „Damit wir nachher in der Schlussphase nicht vor ganz so leeren Seiten stehen,“ meint er. Seinen „Teaser“, den Anreißer, hat er versuchsweise schon mal eingegeben – weiß, und warum nicht grün oder gelb? „Das sind einfach Vereinbarungen, die die Teletextmenschen irgendwann mal getroffen haben,“ klärt er den blutigen Laien auf. „Wir benutzen für unsere Fließtexte weiß und grün, ZDF-Sendehinweise sind gelb, für Aktuelles nehmen wir Magenta...“ und mit einem Klick auf der Tastatur färbt sich der Text nach Wunsch.

Irgendwann ist es dann soweit – ich kann nicht länger hinterm Berg halten damit. Und ohne auf die PASS-eigene Rubrik der „Vunderbaren Velt des Videotxt“ näher einzugehen, muss ich von den Redakteuren wissen, wie die Fehler entstehen, die sich ab und an den geübten Teletextaugen zeigen. „Wir lesen natürlich immer gegen, wenn wir Berichte schreiben,“ meint Bednarek. „Aber es kann schon mal sein, dass man abends alleine hier arbeitet, da fehlt natürlich der Gegenpart.“ Mal ganz abgesehen davon, dass selbst wiederholtes Durchlesen nicht vor Betriebsblindheit schützt: „Ich hatte mal abends ein Zweitligaspiel, da hatte ich so zwanzig Minuten lang Dusiburger stehen“, erinnert sich Donath. „Nach acht Stunden vorm Schirm ist das einfach nicht auszuschließen.“

 

Die letzten zwanzig Minuten – und die Betriebstemperatur erhöht sich spürbar. Warmtippen für den Endspurt – die Tasten klackern durch das graublaue Redaktionshinterzimmer, während im vorderen beige-orangenen Observatorium die Konferenz Tore hier und Tore da meldet, die Online-Redakteure ihre aktualisierten Texte und Bilder ins Netz jagen. Spätestens fünf Minuten nach dem Schlusspfiff müssen die Videotext-Berichte stehen – Andreas Eufinger, der die ganze Zeit über schon das gesamte Sportgeschehen für den ZDFtext gemanagt hat, treibt von der Seitenlinie noch einmal an, freundlich-kollegial, versteht sich, aber nicht ohne eine gewisse Angespanntheit.

 

 

17 Uhr zwölf – und Tore fallen „wie reife Früchte“, so einer der Sky-Kommentatoren in altbackener Fußball-Metaphorik. Für Mainz, für Gladbach, für Hoffenheim, für Bayern – getippt wird jetzt mit doppelter Geschwindigkeit, wer jetzt zu viel schon geschrieben hat, braucht die Entf-Taste. Schlusspfiff auch beim letzten Spiel – jetzt geht es um die letzten Formulierungen: „Bei Gladbach ist hinten noch Luft, schreib da noch was rein, das war ja doch echt dramatisch...“ – „Vielleicht ‚sorgte für Jubel und Erleichterung’?“ Mit Hingabe und Akribie wird um jedes Wort gerungen, wird jeder Platz so gut wie möglich ausgenutzt. 23 mal 39 – der Platz ist knapp, die Zeit auch, aber das Redaktionstrio braucht nicht mehr als handgestoppte 7 Minuten, bis sämtliche Spielberichte auf die Fernsehschirme geschickt werden – ab damit durch die Abtastlücke.

Ende mit Schicht? Weit gefehlt: „Randale in Frankfurt – da stürmen die Fans den Rasen und wollen die Spieler verkloppen,“ alarmiert Eufinger die Kollegen. Eine neue Tafel muss her, ein paar Minuten Nachspielzeit nach der Spielzeit.

Am Schluss versagt denn doch die Technik – aber nicht die in Mainz, sondern der Stream aus den Niederlanden. Die Statistikseiten sind etwas durcheinander geraten, Infostrada Sports („passionate knowledge of sports”, wie die Homepage renommiert) hat wohl mit etwas zu viel Leidenschaft diesen vorletzten Spieltag der deutschen ersten Liga begleitet, und schöne neue Teams sind plötzlich entstanden. Seltsam, die Kreationen, aber wer kann schon einer brasilianischen Version von Miroslav Klose widerstehen?

 

 

 

 


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