Aus dem aktuellen Heft 97


 

Die Geister, die sie riefen

Wie der Fußball versumpft im viralen Zeitalter und warum Fußballspiele ohne Zuschauermeuten ein Genuss sind

 

Von Stefan Erhardt

 

Was früher die Frau im Spiegel war, der Playboy, die Bravo, hat sich ins digitale Netz verlagert: vor allem YouTube ist die Plattform – Gilles Deleuze und Félix Guattari („Tausend Plateaus – Kapitalismus und Schizophrenie“) hätten ihre Freude daran (oder auch nicht) – für Abermillionen User, sprich Ego-Produzenten und Fetisch-Konsumenten, das NEON für alle Girlies und solche, die es mindestens bis Pflegegrad 1 bleiben wollen, das BEEF! für alle Boyzz und solche, die intellektuell nie über dieses Stadium hinauskommen werden.

Hier treffen sogenannte und selbsternannte „Influenzer“ – mittlerweile, man glaubt es kaum, eine Berufsbezeichnung – auf willige Manipuliermasse, die in komfortzonalen Filterblasen sich ein Weltbild zusammenschustert, dass es der Sau graust, und nicht nur der, sondern allen sogenannten und menschengemachten Nutztieren, die global wie lokal von für uns billigst (und preislich gewissenhaft gebilligt) verdingten Fleischhauersklaven aus osteuropäischen Ländern (mit dem Bei-Ton: das ist ja schon fast nicht mehr Europa) sekündlich gemetzelt und geschlachtet werden, um unser aller Hunger nach Fleisch zu stillen. Selbst für solche Bilder gibt es Kanäle, und „Jugendschutz“ ist ein Wort aus dem Mittelalter.

Viral – das war das kapitale Zauberwort, ein Video, ein Kanal, ein YouTuber „geht viral“: soll heißen, wird von Millionen geschaut, verdaut, kommentiert, und intellektuell baldmöglichst wieder ausgeschieden, denn es braucht ja – Grundprinzip des Konsum-Kapitalismus – Platz für Neues.

Corona goes viral

Nunmehr ist etwas anderes viral gegangen: ein Virus, nicht digital, sondern so analog, wie analog nur sein kann, quasi intravenös, zumindest intravertiert, und hatten wir alle zunächst nur geschaut – erst: achnaja, weit weg; dann: blöd, oops, doch da – und noch nicht so richtig verdaut, schon gar nicht intellektuell, was da sich „eintrug“, wurde schon bald aber angesichts drohender Einschränkung des privaten Lebens beleidigt kommentiert – ich habe ein Recht auf mein Ego! meine Komfortzone! auf Kreuzfahrten! auf Party! auf Profit! auf Umweltzerstörung!

In der Folge von Verbot und Lockdown – kein besseres deutsches Wort mehr fiel den sogenannten Verantwortlichen ein, siehe auch das öffentliche Leben ‚herunterfahren‘, als seien wir alle nur noch Teil eines riesigen Computerwesens namens Gesellschaft (siehe auch Lewis Mumford, „Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht“) spalteten die Reaktionen sich auf – es wurde entweder lautstark resigniert oder noch lautstärker dagegen protestiert.

Dass die Ableitung dieser Gefühle von Einschränkung, Bevormundung, Bedrohung und Frustration ausgerechnet in die Einhamsterung von tonnenweise Klopapier mündete, spricht eine klare Sprache für die (deutsche?) Verfasstheit: wenn schon alles Scheiße ist, will ich wenigstens nicht darin sitzen bleiben. Zewa wisch und weg – was, nebenbei bemerkt, der mittlerweile rudimentärsten Geste aller Digitalbewohner quasi als Leitspruch auch fürs Leben dient. (Und jetzt sind die Hamster auf tonnenweise Klopapier sitzen geblieben, ja Scheiße aber auch.)

Volle Bremsung

Dass es auch König Fußball erwischen würde, war zu erwarten und zu befürchten gewesen; dass der Profit- und Amateurfußball aber komplett zum Erliegen kommt, das hatte wohl keiner auf der Platte (noch so ein Neudeutsch-Neocool-Ausdruck… und gemeint ist wohl nicht der typische Haarstand für männliche Fans über 35). Völlig verblüfft und fast schon verschämt wurden noch ein paar Pflicht- und Punktspiele ausgetragen, zum Teil bereits ohne jegliche Zuschauer, die Ergebnisse auf einen Schlag zweitrangig und seltsam bedeutungslos, weil ja ungewiss, ob überhaupt zu zählen, die Spiele so, als lägen die Akteure in den letzten Zügen, zumindest manche (ich erinnere mich an das EL-Hinspiel der Eintracht gegen Basel: die Frankfurter Spieler als wären sie gar nicht auf dem Platz und in Gedanken schon ganz woanders, womöglich beim Klopapiereinkauf).

Dann der Spielbetrieb eingestellt – quasi die Vollbremsung auf der Zielgerade von Meisterschaften und Abstiegskämpfen bei Tempo 200. Und allerorts machte Verzweiflung sich breit: Heulen und Zähneklappern bei den Profitvereinen ob „wegbrechender“ statt wie bisher kapitalwegweisender Millionenbeträge; verschobene Wunschtransfergedanken, verordnete Gehaltsabschläge, ungläubiges Staunen, wie „so etwas“ überhaupt sein kann, sein darf, im Wirtschaftsgefüge, im Geldräderwerk, das bislang so gerne mit katzenliebhaberischen (ah, siehe YouTube!) Verniedlichungsverben wie „schnurren“ oder automobilfetischisiertem „Brummen“ versehen wurde.

Auch bei den gemeinen Fans brach Verzweiflung sich Bahn: nur noch joggen, auf Abstand Runden ziehen, damit waren die Löcher in den existenzleeren Wochentagen (Mi bis Mo) nicht zu füllen. Wer nicht vorher schon wampig in die Stadien und Arenen gewankt war, der hatte nun allen Grund und ungebremst Gelegenheit, sich an neue Biersorten zu wagen (Corona Extra). Ungebremst auch schon deshalb, weil „die Jungs“ von der Thekenmannschaft nicht mehr über die Leibesfülle in der Umkleidekabine herziehen konnten – im Videochat ließ sich locker kaschierend die Kamera auf Kopf und Schultern fixieren.

Einstürzende Geschäftsmodelle

Dann aber das Zauberwort „Hygienekonzept“. Die Fußballverbände und ihre bündlerischen Funktionäre eierten noch eine Zeitlang herum, ob denn und wenn ja wie und wie überhaupt und eigentlich ja nicht, aber letztlich siegte die schiere Geldnot – mit Ausnahme des FC Bayern München mit seinem legendären Festgeldkonto – der Vereine. Keine Zuschauer – keine Einnahmen. Wirklich? In Zeiten, wo der Umsatz mit Stadiontickets gerade noch ein Viertel der Gesamteinnahmen ausmacht, schien das eine schwache Begründung. Keine Spiele – kein TV-Geld: das war schon eher nachvollziehbar. Wenngleich sich nicht nur der eingefleischte(!) Fußball-User(!!) fragte, wo denn die Transfer- und Sponsoringmillionen geblieben waren.

Zugleich leistete der Profitfußball einen Offenbarungseid: nicht zum ersten Mal, aber nun für alle offensichtlich, mussten die Profitligen einräumen, dass ihre Finanzkonzepte (und damit die sportlichen, so sind die Prioritäten im Kapitalsport) auf tönernen Füßen stehen, in welchen Finanzsümpfen sich die schmerbäuchigen Spielerberater, Berater der Spielerberater, Verbandsfunktionäre, Vereinsvorsitzende, Finanzvorstände, Investoren und Aktienanleger bewegen. Naja, von „bewegen“ konnte eben nicht so recht mehr die Rede sein.

Wer Augen hatte zu sehen, der und die konnten erkennen, was für ein windiges Geschäft dieser Fußball – „ein hochwertiges Produkt, das 40 Millionen Deutsche interessiert“ (C. Seifert, DFL) – ist. Und sich mächtig darüber aufregen, als adidas im Corona-Lockdown bundesweit sich die Pacht für die Stores stunden lassen wollte – adidas?!, die u.a. Real Madrid über Jahre hinweg mit Milliarden Euro gefüttert haben und weiter füttern werden. Von den anderen Sportartikelherstellern, Versicherungsgruppen oder – Achtung: allerhöchste „Systemrelevanz“! – Automobilkonzernen erst gar nicht zu reden. Oder von den „Spielerberatern“, die in der vergangenen Erst- und Zweitligasaison knapp 200 Millionen Euro für Spielervermittlungen kassierten –mehr Geld, als 30 der 36 Erst- und Zweitligavereine in einer Spielzeit an Umsatz erzielt haben (vgl. www.dfl.de/de/hintergrund/lizenzierungsverfahren/finanzkennzahlen-der-proficlubs). Allein aus den Transfers des BVB konnten sie zahle und schweige 44,5 Millionen Euro an sogenannten Honoraren einstecken. Welches schweißtreibende Tun wird da eigentlich „honoriert“? Ehre!?

Im Juni dann eine Lockerung des Lock: Spiele ja, aber ohne Zuschauer. Schließlich sollte die Meisterschaft und die Pokalwettbewerbe, der Aufstieg und der Abstieg ja gerecht… Quatsch: Schließlich würde damit das TV-Geld wieder fließen, zumindest so viele Millionen, dass man nicht allzu viele Menschen aus Geschäftsstellen, Fahrdiensten, Catering, Bierausschänken etc. pp. entlassen müsste. Die mittleren und höheren Ebenen waren wie selbstverständlich von Kurzarbeit und Kündigung ausgenommen.

Kurz geisterten kleine Proteste von diversen Profitspielern gegen Gehaltskürzungen durch den viral beschädigten öffentlichen Raum, ein fast schon in Vergessenheit geratener Herr Bierhoff meldete sich zu Wort und sinnierte über Obergrenzen für Profigehälter, der eine oder andere Finanzmakler drohte mit Vereinsinsolvenz, aber das verhallte schnell und ich fürchte auch ungehört. Das neue Zauberwort hieß: Geisterspiele.

It’s only rock’n’roll and I like it!

Die Profit-Ligen wurde wieder ausgeklappt, der Spiel-Betrieb wieder aufgenommen, englische Wochen und Pokalspiele in die Terminkalender gequetscht, und das alles vor leeren Rängen. Die Begeisterung über diese Geisterkulissen hielt und hält sich in sehr engen Grenzen: es gebe keine Atmosphäre, keine Stimmung, keine Euphorie, keinen Support, keinen zwölften Mann (NB.: Bezeichnet frau die Zuschauerinnen beim Frauenfußball eigentlich als „zwölfte Frau“?). Die große Stille, die große Ödnis, kein Stadionbier, keine Stadionwurst, stattdessen: Ich glotz‘ TV. Für mich. Vor mich hin. Und die sogenannten Sportjournalisten stimmten wehleidig ins allgemeine Klagelied ein. Aber klar – sie ja auch von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit bedroht.

Lassen wir die Finanzen aber jetzt mal beiseite: Was sie nur alle zu klagen haben! Sollten sie nicht froh sein, wenn überhaupt gespielt wird? Das Geisterspiel-Gejammere wurde ausgestoßen passend zur generellen gesellschaftlichen Entrüstung ob der Beschneidung der egomanisch hedonistischen Lebensweise der Vielen. Nur: Kann nicht auch ein Fußballspiel zweier Teams ohne Zuschauer ein Genuss sein? Gerade weil ohne Zuschauer? Gerade weil die volle Konzentration auf dem Spiel zu liegen kommt?

Das Spiel an sich ist immer noch oder vielmehr gerade Spiel, wenn es ohne Zusehende auskommt. Diese Ansicht kann man ablehnen, man kann ihr aber auch etwas abgewinnen. Es muss nicht immer das Gesamtpaket, das All-Inclusive, „die volle Dröhnung“ sein – ich weiß, das fällt schwer in Zeiten der Event-und-Spaß-Gesellschaft. Es kann aber auch einfach mal nur Rock’n’Roll sein, kann es nicht?

Der Fußball schaut sich selbst zu

Ohne Zusehende auf Stadionsitzen ist das Fußballspiel für sich. Ist der Fußball auf sich selbst gestellt, ja geworfen. Es ist Fußball in Reinkultur. Der Fußball begibt sich in Klausur, das Stadion-Weltgeschehen bleibt nicht nur außen vor, es existiert nicht oder nur am Rande. Der Fußball bewegt sich in einem Reinraum, in dem das Spiel für sich abläuft. Die Teams spielen zwar gegeneinander, aber die Spieler für sich – sie spielen nicht für die Zuschauer vor Ort. Sie agieren und interagieren unbelästigter, damit intensiver, weniger unter Druck, den Zusehende zwangsläufig (natürlich) aufbauen. Vergleiche eine Theater- oder Musikaufführung vor Publikum: die Zuschauer erwarten etwas, mindestens gute Leistungen von denen auf der Bühne.

Trainer und Stab befinden sich nach wie vor am gleichen Ort, aber sie sind direkter am Geschehen. Was sie brüllen und ansagen, kommt an, im Gegensatz zu sonst, wenn die Zuschauermeuten ihr ohrenbetäubendes Gelärme und Gebrülle – ganz in Konkurrenz zur Gigawattanlage des Stadionsprechers und seinen tinnitalen Lärmmaschinen – entfesseln.

Wie wohltuend die Absenz dieser Krawallbrüder – der fast gänzlich fehlende Stadionsprecher (außer wenn mit Grabesstimme ein Spielerwechsel durchgesagt wird – allerdings: für wen bitte??), die Blödmusik, die Nervwerbeparolen, das intellektuell tiefergelegte Meutengebrüll. Dagegen die Rufe der Spieler – nicht viel anders als in der Thekenmannschaft, oder? Die Rufe der Trainer – in der bevorzugten Zweier- und Fünferreihung (ganz vorne dran in der Hitliste: „weiterweiter!!“ bzw. in der emotionalen Zuspitzung „weiterweiterweiterweiterweiter!!!!!“; dicht gefolgt von „gehgeh!!“, „bleibdranbleibdran!!“ und „gleichwiedergleichwieder!!“). Klar, auch nicht unbedingt taktisch sinnerhellend, wenn man vor dem Monitor sitzt, aber eine nunmehr hör- und spürbar menschliche Komponente. Verstehen übrigens alle diese Profitspieler aus aller Herren Länder Deutsch?

Wie dem auch sei: Es ergibt sich ein Spiel, das in sich selbst auf sich selbst bezogen ruht. Das von nichts und niemandem Nicht-Spielendem abgelenkt wird. Das ist der Genuss für die Zusehenden. Wenn denn bei ihm und ihr abseits von Meisterschaft, Rivalität und Sieg-und-Niederlage-Denken ein Sinn, ja ein Kunstsinn für das Spiel als solches besteht.

Auf sich selbst geworfen

Entsprechend ist der fernab Zusehende im Moment des Zusehens ebenso auf sich alleine gestellt, unabgelenkt, am Spiel intensiver teilnehmend, weil nicht emotional gesteuert, zumindest nicht von außen. Er und sie sind ganz im Spiel drin, so sie ihm folgen wollen, viel tiefer drin als sonst, ohne der Meute Tribut zu zollen und ihrer Manipulation zu verfallen. Speaking of influencers…

Dies mag ein gewisses Unbehagen erzeugen bei Fans – ohne die gewohnte Umgebung entwickelt das Fan-Tier schnell eine dezidierte Scheu, ist verunsichert, fühlt sich allein gelassen. Heißt ein Fußballspiel verfolgen immer auch gleich sich in eine Meute von Gleichgesinnten begeben – eine scheinbare Sicherheit erzeugen, gegen die Komplexität und laufende Unsicherheit der (eigenen) Existenz?

Aber diese zuschauerlosen (na, ein paar gibt es seltsamerweise ja doch immer – sind DIE die eigentlichen Geister, die niemand rief, aber keiner mehr loswird?) Spiele bieten eine existenzielle Chance: the game CAN BE beautiful – the game IS beautiful, und ich kann es genießen ohne die Brüll- und Ausrastfressen von rigide bannertragenden Fanatikern. Mehr noch: Life as such CAN BE beautiful without pomp and circumstances – das Leben als solches ist das Geschenk, nicht seine Verbrämung durch Discounter und YouTube.

Lockdown – you better take care / If I find you bin creepin' round my back stairs

“Ni el fútbol ni la vida volverán a ser igual” – so sprach Lionel Messi im Interview mit El País Semanal kürzlich. Weder Fußball noch Leben werden sein wie zuvor? Ich fürchte doch: Genau so, wie momentan der Umweltschutz in viraler Zeit den meisten Menschen am Arsch vorbei geht (siehe Klopapier-Käufe), genauso wird das „normale“ Leben wieder gelebt werden. Party und Profit, Ego und Event, Konsum und Komfort, dieser Sixpack wird wieder zur Staats- und Gesellschaftsdoktrin. Keine Chance auf Veränderung, schon gar nicht auf Verbesserungen. Der Mensch wird diese Chance verspielen. Und der nächste Millionentransfer ist immer der schwerste. Aber auch der schönste, ist er nicht.

Derweil tut sich immer mehr Sumpf auf – zum Beispiel in Sibirien. Da freuen sich jetzt schon Millionen von Bakterien und Viren darauf, uns zu zeigen, wo der Hammer hängt. Nein, so personifiziert nun auch wieder nicht: WIR – siehe Fleisch, Finanzen und Fun – sind es, die den Permafrostboden auftauen und uns darauf freuen, neue Acker- und Gewerbeflächen zu gewinnen. Der Gewinn könnte allerdings leicht der Anfang unserer Niederlage sein. Dann wäre auch der Fußball am Arsch.

Oder um frei nach Gordon Lightfoot zu intonieren: Lockdown – I think it's a sin / When I feel like I'm winnin' when I'm losin' again.


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