Aus dem aktuellen Heft 83


 

"Foul is fair and fair is foul" – Einige Anmerkungen zur "Foul-Debatte"

Von Claus Melchior

 

Weil im Fußball- und Mediengeschäft ja regelmäßig eine andere Sau durch's Dorf getrieben werden muss, wurden in diesem Herbst ein paar Bemerkungen von Thomas Tuchel nach der Niederlage seiner Mannschaft in Leverkusen zur so genannten "Foul-Debatte" aufgeblasen. Schnell bildete sich ein Konsens, demzufolge Tuchel besser die Klappe gehalten hätte, zum einen, weil die Niederlage seines Teams in Leverkusen andere Ursachen gehabt habe, als die hohe Zahl von Foulspielen der Leverkusener (was wohl stimmt), zum anderen weil er in diesem Moment nur als schlechter Verlierer rüberkommen konnte (was auch stimmt, aber mir ein guter Trainer lieber als ein guter Verlierer).

Unabhängig vom Zeitpunkt war es aber vielleicht gar nicht so falsch, einmal zu thematisieren, wie weniger talentierte Teams das Mittel des taktischen Fouls einsetzen, um Mannschaften wie den BVB oder auch die Bayern in der Spielentwicklung zu hemmen.

Zu den lautesten Kritikern von Thomas Tuchel gehörte Hertha-Trainer Pal Dardai, nicht zufällig wohl, denn das Spiel seiner Mannschaft in Dortmund stand unmittelbar bevor. Seiner Meinung nach – und damit steht er keineswegs allein – gehören taktische Fouls zum Fußball, es müsse nur "alles fair bleiben". Sicher hat sich jeder von uns schon mal bei dem Gedanken ertappt, das gerade gefallene Tor gegen die eigene Mannschaft sei durch einen einfachen Trikotzupfer lange vor dem Strafraum zu verhindern gewesen. Und weil solche Zupfer und andere Vergehen ja auch immer wieder vorkommen, könnte man tatsächlich sagen, taktische Fouls gehörten zum Fußball. Wenn wir Fairness allerdings weiterhin und dem Zeitgeist zum Trotz als konstitutives Element des Sports betrachten, dann kann das eben nicht sein, denn foul und fair sind nun einmal klare Gegensätze, sich diametral widersprechend, das eine geht mit dem anderen nicht zusammen, ein taktisches Foul kann also nicht fair sein.

Man könnte nun natürlich mit Shakespeare kommen: "Fair is foul and foul is fair" heißt es im Macbeth, aber dem Barden aus Stratford geht es hier um die Umwertung von Werten und nicht um taktische Fouls. Übrigens sind es die Hexen, denen er diese Worte in den Mund gelegt hat, womit wir wieder bei Pal Dardai wären, der vermutlich alle Fußball spielenden Frauen für solche hält. "Männerfußball" ganz nach seinem Geschmack wollte er in Dortmund gesehen haben. Dieses Machogelaber von kleinen Jungs, die sich nostalgisch nach jenen Zeiten sehnen, in denen die Mädels noch nicht die Frechheit besaßen, ebenfalls gegen den Ball treten zu wollen, hofften wir eigentlich überwunden zu haben.

Zurück zum Ausgangspunkt der Debatte: Taktische Fouls zerstören den Spielfluss und damit die Ästhetik des Spiels, sie sind Ausdruck des calcio cinico, ein hässliches Mittel, mit dem schwächere Teams stärkere Gegner auf ihr Niveau herunterholen wollen. Sie kommen vor, aber sie gehören nicht dazu; sie werden zu Recht bestraft und sollten geächtet und nicht zu einem quasi-legitimen Bestandteil des Spiels erklärte werden. Verstehen wir Tuchels Anmerkungen in diesem Sinne, so ist ihm in vollem Umfang zuzustimmen, auch wenn der Anlass vielleicht unglücklich gewählt war. Tuchels Kollegen – Dardai natürlich eingeschlossen – sahen darin auch einen Kniff, um Schiedsrichter unter Druck zu setzen. Nun ja, wenn sich die Unparteiischen durch die implizierte Aufforderung, dem Regelwerk Geltung zu verschaffen, unter Druck gesetzt fühlen sollten, dann wäre das äußerst bedauerlich.

Kurz noch ein weitere Beitrag zu dieser Debatte, bei der es weniger um taktische Fouls geht. Der TSV München 1860 hat für diese Saison einen Brasilianer namens Victor Andrade von Benfica Lissabon ausgeliehen. Andrade ist ein unglaublich schneller Spieler mit einer herausragenden Ballbehandlung, was es ihm einerseits ermöglicht, wenn er Platz hat, Gegner einfach stehen zu lassen, indem er den Ball vorbeilegt und dann seine Schnelligkeit ausspielt, und wenn er keinen Platz hat, Gegenspieler mit seiner überragenden Technik schlecht auszusehen lassen. (Dass er in den ersten Saisonspielen nicht von Anfang an spielte, lag daran, dass er es mit Defensivaufgaben nicht so genau zu nehmen pflegt, und dass er ein ziemlicher Hitzkopf ist, der z.B. im Juli in einem Freundschaftsspiel der Löwen gegen den BVB zehn Minuten (!) nach seiner Einwechslung bereits kurz vor der Roten Karte stand).

Im Auswärtsspiel des TSV 1860 beim VfB Stuttgart kam er erstmals von Beginn an zum Einsatz und nutzte seine Chance. Sehr zum Leidwesen der VfB-Spieler, die sich nur mit Fouls zu wehren wussten. Keine taktischen Fouls wohlgemerkt, im Gegenteil, es wurde so kräftig hingelangt, dass bis zur Halbzeitpause bereits vier (!) Stuttgarter für an Andrade begangene Fouls Gelb erhalten hatte. Auch darüber lässt sich trefflich debattieren. War es die pure Hilflosigkeit oder vielleicht doch eine geplante Strategie? Ließe sich zumindest hier Einigkeit darüber herstellen, dass diese Art von Foulspiel nun wirklich nicht zum Spiel gehört? Ich fürchte, Pal Dardai würde immer noch eine Rechtfertigung dafür finden, ungeachtet der Tatsache, dass der VfB, als die Holzerei losging, bereits mit 2:0 führte. Dem Schiedsrichter kann man hier eigentlich keinen Vorwurf machen, die Foulspiele wurden ja mit Gelb angemessen bestraft, nur durch ihre geschickte Verteilung vermieden die Stuttgarter einen Platzverwei. Wenn ein Spieler immer wieder foult, besteht die Möglichkeit der kumulativen Gelben Karte, aber was soll ein Schiedsrichter machen, wenn eine Mannschaft immer wieder denselben Spieler foult?

Andrade ließ sich überraschenderweise nicht provozieren und überstand das Spiel glücklicherweise auch unverletzt. Vier Tage später stand kam er nach der Pause beim Pokalspiel der Löwen in Würzburg zum Einsatz. Bei seinen beiden ersten Aktionen wurde er gefoult, harmlose Fouls im Unterschied zu Stuttgart, aber eben Fouls. Der Schiedsrichter pfiff in beiden Fällen nicht. So kann man einen Spieler ganz subtil zum Freiwild erklären. Kurz darauf wurde Andrade ein weiteres Mal angegangen, diesmal härter, nicht wirklich böse, nicht unbedingt gelbwürdig, aber ein Kavaliersdelikt war's auch nicht. Auch hier pfiff der Schiedsrichter nicht! Andrade musste ausgewechselt werden und was zunächst als Knieprellung diagnostiert wurde, entpuppte sich zwei Tage später als Kreuzbandriss!

Um die Verletzung wäre Andrade natürlich auch nicht herumgekommen, wenn der Schiedsrichter in diesem Fall einen Freistoß verhängt hätte. Dass der Schiedsrichter es in diesem Spiel aber wiederholt unterließ, einen Spieler zu schützen, der bereits vier Tage zuvor ein Übermaß an unerlaubter Härte zu ertragen hatte, ist dem Unparteiischen durchaus vorzuwerfen. Es gilt daher – wohl ganz im Sinne von Thomas Tuchel – daran zu erinnern, dass der Schutz der Gesundheit der Spieler die vornehmste Aufgabe der Schiedsrichter ist. Wenn sie dies nicht leisten, wird die "Foul-Debatte", so steht zu befürchten, weitergehen.


webmastered by DER TÖDLICHE PASS
dertoedlichepass@gmx.net