Aus Heft 82


 

FUSSBALL TRASH

 

Deutschlands tägliche Fußball-Zeitung – wer braucht das?

 

Von Stefan Erhardt

 

Wenn einer es probieren würde, dann die BILD: eine gedruckte Tageszeitung herauszugeben, die sich nur und ausschließlich mit Fußball beschäftigt. In Ländern wie Spanien, Italien oder Frankreich längst mehrfach etabliert, hatte für den deutschsprachigen Raum bisher noch niemand die Druckerpresse angeworfen. Hauptfrage: Eine Fußball-Zeitung, würde die sich neben zwei Mal kicker und einmal SPORT-BILD in der Woche behaupten, sprich bezahlt machen?

Vor einem Jahrzehnt – kurz vorm WM-Turnier 2006 – wurde dies ernsthaft ausgelotet, schon damals hieß es von Medienkundigen, dass eine Fußball-Tageszeitung keine Chance am Medienmarkt haben würde, vor allem deshalb nicht, weil die BILD doch schon diese Lücke fülle – inklusive Bild am Sonntag gäbe es jeden Tag mal mehr, mal weniger umfangreiche Berichte über den Fußball. Die damals (von Springer) gestartete SPORT-B.Z. wurde nach wenigen Monaten wieder eingestellt. Vielleicht, weil der Fußballinteressierte nicht unbedingt auch ein Sportinteressierter war?

Nun wagt es seit dem 26. August 2016 die FUSSBALL BILD. Mit eigener großer Redaktion, mit 24 Seiten, zum Preis von 1 Euro, zunächst nur in den Räumen München und Stuttgart mit 60.000 Auflage, ein Versuchsball, wenn man so will. Trotz kicker, trotz des hauseigenen Erzeugnisses SPORTBILD, und vor allem: trotz der Tausenden twitter-Tweets, Infoseiten, Blogs, Fanforen und Vereinshomepages, die das Internet zumeist kostenlos bietet – und die täglich neu.

Der kicker für Arme

Was also will eine Fußball-Tageszeitung darüber hinaus bieten? „News +++ Fakten +++ Hintergründe“ offeriert – auch optisch – im Telegrammstil die Unterzeile der FUSSBALL BILD. Die Erstausgabe verspricht: „Auf 24 Seiten gibt es […] das Beste aus der BILD-Sportredaktion.“ Das klingt nach einem schnöden Best-of und nach Recycling. Deshalb legt man, grammatisch nicht ganz regelkonform, nach: „Plus exklusiven [!] Kommentaren, Kolumnen und Grafiken.“ Und behauptet selbstbewusst: „Mehr Fußball geht nicht!“

Erste Liga, zweite Liga, ein bisschen dritte, ein bisschen Internationales, zum Schluss eine Story von früher: das ist das feste Schema, an dem sich die FUSSBALL BILD entlanghangelt. Im sattsam bekannten BILD-Stil: Menschen, Tore, Sensationen – mehr Bilder denn Texte, und diese ebenso locker wie wenigsagend. Ein kicker für (geistig) Arme?

Die ersten Ausgaben tröteten BILDtypisch aus dem Zeitungsständer: „SCHWEINI TRÄNENABSCHIED“; „Es wird eng für Beckenbauer“; „NEUER Darum wurde ich Kapitän“; bei näherem Hinsehen ist das nichts anderes als die Übertragung der wohlbekannten Universalschlagzeilen auf den Fußball. Denn genauso könnte es heißen: „BRANGELINA TRÄNENABSCHIED“; „Es wird eng für Gabriel“; „SCHETTINO Darum wurde ich Kapitän“.

Zwischen Dosenravioli und Schogetten

In der Gourmet-Abteilung der Fußballberichterstattung befinden sich FUSSBALL BILD-Leser und -Leserin also nicht. Vielmehr kann man zwischen Seite-1-Anzeigen für Dosenravioli, Tafeltrauben, Multifunktionsschuhen (bitte was??) oder Schogetten sogenannte Neuigkeiten „Aus den Klubs“ lesen – die ein wenig, aber eben nur ein wenig mehr Tiefe aufweisen als die sogenannten News von Sport1 oder SKY. Allein die Überschriften, beliebig aneinandergereiht, ergeben so etwas wie den Discounter der Fußball-Poesie:

Neuer Vertrag für Lewandowski?

Großkreutz-Spott für RB Leipzig

Wie Tisserand zu den Schanzern kam

Eichin zählt Mölders an

Reuter freut sich auf Hinteregger

Verweigerte Sané Pokal-Einsatz?

Favre gönnt sich Balotelli

Volland muss operiert werden

Vater Ghabry über seinen Sohn

Diesen Stars droht die Bank

Ex-Manager Knäbel glaubt an Europa

So mistet Skripnik aus

Kießling 10 Jahre bei Bayer

Fitnesstest bei den Löwen

2 Neue gegen den Bayern-Fluch

Schweini wieder im Kader

Lehmann gegen Torhüter als Kapitän

Leipzig neidisch auf BVB

Boss setzt Labbadia unter Druck

Hahn jagt Tor-Rekord

Skripnik kämpft um seinen Job

Endlich wieder Celtic gegen Rangers

Sommer gewinnt auswärts nichts

Schalke in der Doppelnull-Krise

Wagner warnt vor Darmstadt

Liebes-Aus bei Fabian

Messi fehlt verletzt

Jesus schon wieder kaputt

Man beachte die eingängigen vierhebigen Verse, die mitunter noch etwas holprig und (vgl. die letzte Verszeile) nicht immer theologisch korrekt einen endlos scheinenden und damit fast schon epischen Text über den Lauf der Fußballwelt entwerfen.

Der HSE24-Effekt

Allerdings kann man einen gewissen Gewöhnungs-, ja sogar Suchtfaktor nicht leugnen. Wer täglich oder fast täglich die FUSSBALL BILD zur Hand nimmt, das mehr oder minder sauer Verdiente dafür hinwirft (immerhin 24 Euro im Monat, rund 300 Euro im Jahr), der findet sich nach kurzer Zeit im Sog der BILD-Welt wieder. Und droht ihr zu verfallen.

Es ist vergleichbar mit Fernsehkanälen wie HSE24 oder QVC: je länger man zusieht, je länger man in der singulären Welt der Anpreisungen und Lobpreisungen, der Marketenderinnen und Billigen Jakobs verweilt, desto stärker kann man sich faszinieren, fesseln lassen von dem, was da, tagein tagaus, Stunde für Stunde, an Sensationellem geboten und vor allem angeboten, zum Verkauf nämlich, wird.

Denn zum einen bietet all das, was einem – hier Verkaufsobjekte, da Schlagzeilen – über die Sehnerven ins Hirn gebrannt wird, in seiner Vereinzelung (vulgo Trashigkeit) die ebenso radikale wie perfekte Ablenkung von ALLEM ANDEREN, anderen Objekten, anderen Schlagzeilen, vor allem von ALLEM PRIVATEN, so dass man sich aufgehoben fühlt, wohlfühlt in diesen Oasen der ohne eigenes mühevolles Zutun vorausgewählten und bildschön aufbereiteten Objekte und Nachrichten. Zum andern gaukelt es vor, dass man exklusiv einem Kreis von Auserwählten angehört, dem eine Plattform zur erfolgreichen Bewältigung der komplexen und objekt- wie nachrichtenüberfrachteten Alltagswelt geboten wird.

Will there be nothing left to offer but Zittern, Schock, Ärger?

Die Frage bleibt: Kann sich eine reine Fußball-Tageszeitung zwischen BILD, SPORTBILD und BILD AM SONNTAG überhaupt halten? Kann eine Tageszeitung, die letztlich nichts anderes ist als ein Aufguss der BILD, die mit genau denselben journalistischen Mitteln hantiert, sich behaupten gegen vor allem wesentlich besser informierte und meinungsstärkere (neudeutsch für ‚rotzfreche‘ und ‚respektlose‘) Internetseiten?

Die in Leserbriefen zitierten Leser scheinen jedenfalls begeistert. Auch wenn die Aussagen noch spärlich und sehr verhalten pro FUSSBALL BILD ausfallen: „Ich finde es super, dass es mal etwas anderes gibt als das übliche Format“, findet einer, ohne zu definieren, was denn ein „übliches Format“ überhaupt ist; ein anderer wünscht sich, dass es das Blatt demnächst bundesweit zu kaufen gäbe.

Ob das je der Fall sein wird? Vielleicht wird es die FUSSBALL BILD ein paar Jahre durchhalten, vielleicht nur eine Saison. Wir wagen ob der Finanzkraft und Beharrlichkeit der SPRINGER-Presse keine Vorhersage. Vielleicht wird es sie auch noch länger geben, wenn manch einer einen Euro in vierundzwanzig Seiten Fußball-Trash investiert, so wie man nach einem veganen Abendessen auf dem Nachhauseweg doch noch einen Hamburger bei Würgerking oder Mäckso’nHals einwirft, als Antidote, sozusagen. And if you don’t like it – throw it into the trash can.


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