Aus dem aktuellen Heft 93


Ganz egal, woran ich grade denke…


Von Michael Schnabel

 

„Fraili kenni na Draudmonn“, sagte Alfred,
„deer woor in di fuchdsga Johr wohrschainli
da bessde daidsche Doorwadd. Wenna
nedd in Englond gschbilld hädd, weera wohrschainli
Welldmaasda gworn doomollds in da
Schwaidds, obba doomollds senn ja Legjoneere
nuch nedd inn di Nadsionoolmannschaffd
beruufm worn, dess iss ja erschd schbeeda
kumma, dass aana, woo imm Auslond gschbilld
hodd, aa inn da Nadsjonoolmannschaffd
schbilln hodd därfm.“
„Und wie war der Film?“, fragte mich Hannes.
„Unterm Strich enttäuschend“, erwiderte ich.
„Eine Schmonzette. Ein rührseliges Schuldund-
Sühne-Melodram. Aber als Freund des
Fußballs schaut man sich das natürlich an.“
„Kommt ja schließlich nicht alle Tage vor, dass
im Kino ein Fußballfilm gezeigt wird“, sagte der
Wirt und stellte ein Pils vor mich auf den Tresen.
„In einer Szene musste ich an Schommers
denken...“
„An Schommers?“, wunderte sich Hannes.
„Ja, an Schommers. Ich habe den ganzen Film
über darüber nachgedacht, ob Schommers
immer noch daran glaubt, dass der Club den
Klassenerhalt schafft.“
„Du bist ne Marke“, sagte der Wirt. „Gehst ins
Kino und dann denkst du doch nur an den
Club.“
„Klar hab’ ich an den Club gedacht. Wahrscheinlich
hättest du auch an den Club gedacht.
Wenn der Trainer von St. Hellens Town
zu seinem Vereinspräsidenten – ich glaube
jedenfalls, dass es der Präsident war, ist aber
auch egal – wenn der sagt: Wir schaffen das,
obwohl seine Mannschaft kurz vor Saisonende
tief im Abstiegssumpf steckt und nicht den
Eindruck erweckt, das Blatt noch wenden zu
können, dann frage ich mich, ob Schommers
zu einem Funktionär der Vereinsführung heute
das Gleiche sagt. Wobei natürlich einzuräumen
ist, dass die Situationen nicht absolut
vergleichbar sind. Zu dem Zeitpunkt, wo der
Trainer von St. Hellens Town gegenüber dem
sichtlich verdutzten Präsidenten diese optimistische
Prognose abgibt, weiß er, dass in den
nächsten Spielen ein Wundermann im Kasten
seines Teams stehen wird. Da ist Schommers
in einer schlechteren Lage, denn Aussicht auf
eine Rettung bringende Last-minute-Verstärkung
hat er keine.“
„Ann naai-a Doorwadd brauchda obba nedd,
da Glubb. Da Kibba iss imm Mommend da
bessde Moo vomm Glubb. Die braichaddn
ann gschaidn Schdirma, woo vorna di Dinga
naimochd. Unnd ann firs Middlfeld, woo di
Dinga aufleechd...“
„Na ja“, sagte Hannes, „in den nächsten Spielen
stehen immerhin Pereira und Misidjan
wieder zur Verfügung. Und Kubo hat in dem
Testspiel gegen den Siebten der der ersten
tschechischen Liga zwei Tore geschossen.“
„Der soll gegen Augsburg zwei Tore schießen!“,
versetzte der Wirt.
„Und dann nochmal zwei gegen Stuttgart!“, ergänzte
ich.
„...Die braichadn fassd fir alle Felldschbiela-
Bossidsjonna a Vaschdärgung. Obba wohrschainli
weers edsad eh dsu schbeed. Die
senn obbgschdieng. Dess Ding is gloffm.
Denn Riggschdond kossd nimma aufhooln,
doo missasd ja fassd di gandse Mannschaffd
ausweggsln, wenndsd nuch a Schongs hoom
willdsd.“
„Freilich“, gab Hannes zu, „muss man davon
ausgehen, dass es wieder runtergeht. Aber
in der zweiten Liga haben wir dann eine Top-
Mannschaft, die den sofortigen Wiederaufstieg
anpeilen kann.“
„So sicher bin ich mir da nicht“, entgegnete
ich. „Wenn du mich heute fragst, ob der Club
gegen Regensburg, Heidenheim und wie die
Vereine alle heißen drei Punkte holen kann,
kann ich nur antworten: Wird man sehen. Ich
weiß es nicht.“
„Zumal“, sagte der Wirt, „damit zu rechnen
ist, dass einige Stammspieler in der nächsten
Saison nicht mehr da sein werden. Mathenia –
Stichwort Torwart – soll ja schon Begehrlichkeiten
bei anderen Vereinen geweckt haben.
Man kann nur hoffen, dass Behrens bleibt...“
„Deer hodd obba geecha Franggfurd aa voorm
Door vasoochd. Deer muss doch dess Aansnull
firn Glubb machng. Vellich frai zumm
Kubbfboll issa kumma, glai amm Onfong
vomm Schbill, vellich frai. Woor a saubare
Flanggn, doo mussa dess Aans-null machng,
soo a Schongs därfsd nedd wegglossn,
wenndsd a Schbill gwinna willdsd.“
„Aber Behrens ist wenigstens noch einer, von
dem Torgefahr ausgeht“, sagte der Wirt. „Sein
Drehschuss kurz vor Schluss war klasse. Leider
hat Trapp phänomenal reagiert.“
„Behrens muss bleiben“, pflichtete ich bei. „In
der zweiten Liga ist er auf alle Fälle ein Mann,
der den Unterschied ausmachen kann. Glaube
ich zumindest. Oder will ich zumindest
glauben. Aber den Rest dieser Saison kann
man sich eigentlich sparen. Weiß nicht, ob ich
mir die restlichen Spiele überhaupt noch anschaue.
Hat doch keinen Sinn.“
„Woss willdsdn dann machng, wenndsd da
die Schbiele nedd ooschausd?“
„Keine Ahnung“, sagte ich und nahm einen
Schluck aus dem Glas: „Ins Kino gehen.“
„Dann kossd da glai die Schbiele ooschaua.
Wall, wenndsd ins Kieno gehsd, denggsd
omm Ennd eh widda blooß onn Glubb“, sagte
Alfred und aus den Boxen klang die Stimme
von Sven Regener:
Ganz egal, woran ich grade denke,
am Ende denk’ ich immer nur an dich…
[Geschrieben nach der 0:1-Niederlage des
1. FC Nürnberg bei Eintracht Frankfurt am
26. Spieltag der Bundesligasaison 2018/19,
an deren Ende der Club einmal mehr in die
2. Liga abstieg.]


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