Aus dem aktuellen Heft 89


 

 

Albrecht Sonntag

 

Von kollektiven Sehnsüchten

 



 

Da ist er also, der zweite Stern. Vom Eiffelturm blinkte er schon am Abend des Endspiels. Und auf dem Arc de Triomphe, der seinem Namen ja auch mal gerecht werden darf, leuchteten die Gesichter der neuen Weltmeister, netterweise nur mit ihrem Vornamen und Geburtsort versehen. Das große, glitzernde Paris verbeugt sich vor Ménival, Lagny-sur-Marne, Jeumont, Bondy oder Mâcon – auch ein Symbol. Dem Vorschlag meiner Frau, Europas berühmtesten Kreisverkehr jetzt in „Place des deux Etoiles“ umzubenennen, wurde noch nicht stattgegeben. Ausschließen kann man in diesen Tagen allerdings nichts. Schon gar nicht auf einer Prachtstraße, die kurzum in „Avenue Deschamps-Elysées“ umgetauft wurde (ein ähnliches Schicksal widerfuhr der Métro-Station „Victor Hugo Lloris“).

 

Ganz falsch lag der Kollege Stéphane Beaud von der Uni Nanterre sicher nicht, als er die Freude über den WM-Titel in einem Artikel in Le Monde als „Kollektiv-Therapie“ bezeichnete. Die hübsche Metapher gilt sowohl für den französischen Fußball und seine Achterbahnfahrt der Gefühle seit 1998 – oft kopfschüttelnd, achselzuckend oder gar verärgert begleitet auf diesen Seiten – als auch für die ganze Gesellschaft, die ja nun grade in den vergangenen vier Jahren besonders gebeutelt wurde. Wie gut es beispielsweise der Stadt Nizza tut, die seit dem furchtbaren Lastwagen-Attentat vom 14. Juli 2016 gar keine Freude mehr am Nationalfest mehr hat und anstelle des Feuerwerks nun Trauerfeiern hält, einfach mal wieder in die Stadtmitte zu strömen und ihren Hugo hochleben zu lassen, das ist von außen schwierig zu ermessen.

 

Da haben sich einige Traumata angehäuft, und allein für diese unverhoffte Gelegenheit einer spontanen Wiedereroberung des öffentlichen Raumes, einer positiven Umdeutung des Wortes „Ausnahmezustand“, sowie einer kurzen, vorübergehenden Verwischung sozialer Unterschiede kann man den WM-Helden gar nicht dankbar genug sein. Das wird natürlich nichts ändern und keinen Bestand haben, und das wissen auch alle. Aber die Erinnerung an diese Tage, in denen man dieses breite Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht kriegt, die nimmt einem keiner mehr weg.

 

Im Frankreich des Juli 2018 erweist sich der Fußball einmal mehr als erstaunlich aussagekräftig über gesellschaftliche Befindlichkeiten. Im Gegensatz zu einem weitverbreiteten Klischee ist er nie ein Spiegel dessen, was sich in ihr abspielt, aber in vielfacher Weise eine Projektionsfläche für Sehnsüchte und idealisierte Selbstbilder, die sie in sich trägt.

 

Vom Miteinander der Generationen

 

Zwanzig Jahre zwischen zwei Sternen auf dem blauen Trikot. Zwanzig Jahre, in denen ungezählte Eltern ihren ungezählten Sprösslingen vom Juli 1998 erzählt haben, von der Euphorie, die das Land erfasste, von ein paar kostbaren, im Sinne des Wortes „einmaligen“ Wochen, in denen sich die Franzosen in der Armen lagen statt in den Haaren. Von dem Gefühl, insbesondere unter den Fußballfreunden weitverbreitet, der tief empfundenen Gerechtigkeit, dieses tonnenschwere „beautiful losers“-Syndrom endlich abgestreift zu haben. All diese nostalgischen Erzählungen, immer beendet mit dem bedauernden Seufzer „leider warst Du zu klein“ oder, je nachdem, „noch nicht geboren“.

 

Dass der Fußball ein verblüffend effizientes Bindeglied zwischen den Generationen sein kann, ist ja nichts Neues. Die Transmission, von einer Altersgruppe zur nächsten, all dessen, was man aus der Fußballhistorie wissen muss und was dieses Wissenswerte an Wertvorstellungen transportiert, das ist ein Initiations-Prozess, der in der Regel nicht einmal von pubertärem Auflehnen und Besserwissen unterbrochen wird. „Mein Vater und ich hatten nicht viel gemein“, schreibt beispielsweise der türkische Politikwissenschaftler Özgehan Şenyuva in einem Blogpost, „aber die Sonntagnachmittag-Spiele im Radio, die verfolgten wir zusammen. Und er brachte mir bei, wie man nach Niederlagen mit Würde verliert und auf nächste Woche hofft. Und wenn wir gewannen, umarmten wir uns sogar.“

 

Umarmt hat man sich ziemlich viel in Frankreich in diesen Tagen. Zu meiner echten Überraschung ist die Explosion der Freude nach dem Titelgewinn 2018 genauso intensiv wie 1998, aber doch anders. Die Innbrunst der unter 30-Jährigen scheint einerseits dem Wunsch nach „therapeutischer“ Verarbeitung der Erschütterungen der letzten Jahre zu entspringen, andererseits aber auch dem Nachholbedarf angesichts des ewigen Schwärmens der Eltern über 1998. Jetzt hat jeder seinen Bezugspunkt im kollektiven Gedächtnis, und die junge Generation wird ihrerseits ihren eigenen (zukünftigen) Kindern mit den Erinnerungen an 2018 auf die Nerven gehen können.

 

Vom Zusammenleben der ethnischen Gruppen

 

Anders aber als 1998, als die WM-Helden im In- und Ausland zum Emblem des multikulturellen Miteinanders überhöht wurden („black-blanc-beur“), scheint die Generation der unter 30-Jährigen – inklusive der Spieler selbst! – wenig interessiert daran, diese Thematik in den Vordergrund zu rücken.

 

Und sie haben Recht! Natürlich konnten sich einige Intellektuelle wieder einmal nicht zurückhalten und machten sich daran, aus dem WM-Erfolg die Vorzüge ethnischer und kultureller Vielfalt abzuleiten. Das war, mit Verlaub, bereits vor zwanzig Jahren ein echter Schwachsinn (und der Autor dieser Zeilen zieht eine tiefe intellektuelle Befriedigung daraus, dies bereits vor der WM 98 so ausgedrückt zu haben).

 

Was hätten sie denn geschrieben, wenn die Kroaten (nicht mal unverdient) gewonnen hätten? Wäre das dann ein Beweis für die Überlegenheit ethnisch homogener Nationen gewesen? Welche Interpretation gilt für die italienischen und spanischen Weltmeister von 2006 und 2010? Was muss man von der simplen statistischen Tatsache ableiten, dass in allen gemischten Teams Westeuropas – von Frankreich über England, Belgien und die Schweiz bis nach Deutschland – manche ethnischen Gruppen deutlich stärker repräsentiert sind als andere? Oder denken wir einen ganz provokativen Gedanken bis zu Ende: um wieviel hätte sich das Identifikationspotential der französischen Mannschaft vermindert, hätten sich nicht die Youngsters Pavard und Hernandez durchgesetzt, hätten sich Lloris, Griezmann und Giroud verletzt, und wären diese fünf Spieler durch fünf genauso gute, genauso sympathische, aber eben dunkelhäutige Kollegen ersetzt worden (z. B. Sidibé, Mendy, Mandanda, Fékir und Lemar)? Welche zusätzliche Zahl stupider Jokes über den vermeintlichen WM-Sieg „Afrikas“ wären in den Late-night shows und auf Twitter über die Bildschirme gegangen?

 

Selbstverständlich ist eine harmonische Integration verschiedener ethnischer Gruppen in einem Einwanderungsland – das sich seit 150 Jahren als solches versteht und mit insgesamt beachtlichem Erfolg eine kaum fassbare Vielfalt von Individuen zu Franzosen gemacht hat – ein sehr wünschenswertes Ziel. Und wenn der Fußball in einer Reihe von Ländern, so es denn das Staatsbürgerschaftsgesetz zulässt, zur Anschaulichkeit eines optimistischen Zusammenlebens im Dienste einer kollektiven Anstrengung beiträgt, dann sei ihm von Herzen gedankt!

 

Meinetwegen kann man ihm auch zugutehalten, dass er das meritokratische Versprechen hochhält, das unsere Demokratie sich unfähig zeigt, in der Arbeitswelt einzulösen. Aber dass eine Fußballauswahl weder einen repräsentativen Proporz ethnischer Gruppen wiederspiegelt noch zum Gegengift für fremdenfeindliche Diskurse bestimmter politischer Gruppierungen taugt, das hat sich auch in Frankreich in den letzten zwei Jahrzehnten rumgesprochen.

 

Diese Spielergeneration, woher ihre Familien auch stammen mögen, haben ein feines Gespür dafür. Sie wissen, dass sie nichts daran ändern können, wohl oder übel als Botschafter ihres Landes wahrgenommen zu werden. Aber sie weigern sich deutlich, als Aushängeschilder von irgendwelchen ethnischen oder religiösen Minderheiten vereinnahmt zu werden. Das zeigt sich auch in der Wortwahl, so im auffällig seltenen Gebrauch des Substantivs „la nation“ oder „le peuple“ und der ebenso auffälligen Verwendung, in Interviews und Pressekonferenzen, des Wortes „la République“, also des Kollektivs, in dem es um Bürger geht, nicht um Blut und Boden.

 

In einem schönen, lakonischen Artikel (Le Monde, 18. Juli) beschreibt Simon Kuper, der bekannte Fußballautor und Financial-Times-Kolumnist, der seit 2001 in Paris lebt, wie er als Vater Fußball spielender Teenager sich jeden Samstagmorgen vom Navi durch das Labyrinth der Pariser Vorstädte leiten lässt, um dann frierend den Kids beim Kicken zuzuschauen. Sein Bericht verdient ein längeres Zitat:

 

„Gut gewartete Sportanlagen, meist von tristen Hochhäusern umgeben. Während die Kinder sich umziehen, suchen die Eltern einen Kaffee. Danach verteilen sich die beiden Teams – immer durchweg multikulturell zusammengesetzt – auf dem von der öffentlichen Hand geförderten Kunstrasen.

 

Die Hauptrolle spielen die diplomierten Jugendtrainer. Diese Bevollmächtigten des französischen Fußball-Systems betrachten uns Eltern als Störfaktor, den es auf Distanz zu halten gilt. Das Spiel selber ist oft von beachtlicher Qualität. Nach Abpfiff reichen sich alle die Hand und es geht nach Hause zum Auftauen.

 

Der Fußball zeigt, wieviel in Eurer Gesellschaft schon wirklich gut funktioniert, Eurem absurd überzogenen nationalen Pessimismus zum Trotz. Er ist einer der seltenen Aktivitäten, die Paris und die Banlieue zusammenbringen. Und beide profitieren von derselben Qualität in Ausbildung und Infrastruktur. Kein Wunder, dass der Ballungsraum der Ile-de-France das reichste Talente-Reservoir der Welt ist.“

 

Die Beobachtung seiner eigenen Kinder und deren Freunde aus aller Herren Länder bringen ihn am Ende seines Artikels zum folgenden Fazit:

 

„Für die jungen Pariser von heute ist die ethnische Zugehörigkeit zweifellos viel weniger wichtig als sie es noch für die Generation ihrer Eltern war. Die multikulturelle Mischung gehört zu ihrer täglichen Erfahrung seit dem ersten Tag in der Kita. Egal wo die Ursprünge ihrer Familien auch liegen, diese Kinder wären perplex, wenn man ihnen sagen würde, sie seien keine Franzosen. Was denn sonst? Und französisch zu sein, das ist etwas sehr viel Wertvolleres als die meisten Franzosen es selber zu glauben scheinen.“

 

Da ist man dann nicht mehr überrascht, wenn der gute Simon jetzt wegen des Brexits auch einen Antrag auf Einbürgerung gestellt hat…

 

Dass es Rassismus und Diskriminierungen aller Art auch in Frankreich gibt, steht außer Frage. Aber alles kann dieses Land auch nicht falsch machen. Mir scheint, dass es in der Tat insbesondere in den Städten auf dem Weg ist, im Zusammenleben nicht mehr ständig den „Respekt für die Differenz“ einzufordern, sondern im Gegenteil das „Recht auf Indifferenz“. Das wäre doch was: ein Land, in dem das Wort „Gleichgültigkeit“ genau das bedeutet: „gleiche Gültigkeit“. Wo keiner mehr fragt, „OK, sie kommen aus Lyon, aber wo kommen Sie wirklich her?“, und wo sogar das gutgemeinte „Sie sprechen aber gut Französisch!“ ausgedient hat.

 

Wenn der Fußball dazu einen bescheidenen Beitrag leistet, umso besser!

 

Von den Erwartungen an die Repräsentanten

 

„Echte Liebe“ zwischen einem Land und seiner Nationalmannschaft entsteht nicht automatisch durch den Erfolg. Da muss schon mehr an Identifikationspotential zusammenkommen. Das glaubwürdig vermittelte Gefühl, dass diese jungen Leute tatsächlich nicht wegen Erhöhung ihres Marktwerts auf das blaue Trikot mit dem Hahn scharf sind, sondern die Erfüllung ihres Kindheitstraums als unverhoffte „Ehre“ empfinden. Der Eindruck, dass diese Mannschaft Werte hochhält, die der ganzen Gesellschaft als wichtig gelten, dass sie die „moralische Grammatik“ des nationalen Kollektivs beachten, wie es der Soziologe Pascal Duret 1998 schön formuliert hat.

 

Diese Grammatik ist oft widersprüchlich.

 

Einerseits ist eine der Kardinaltugenden der französischen Republik, wie jeder weiß, die „Brüderlichkeit“. Der Wille, sich mit seinen eigenen Talenten voll solidarisch dem kollektiven Streben unterzuordnen und so gut wie möglich zum Erreichen der gemeinsamen Ziele beizutragen. Genau das Verhalten also, das die Franzosen bei ihrer Elite in Politik, Wirtschaft und Medien vermissen.

 

Gleichzeitig verehrt die französische Kultur das individuelle Genie, das unbeirrt aller Widerstände seinen Weg geht und durch seine Inspiration dem Kollektiv seinen Heroismus aufzwingt. In einem solchen kulturellen Kontext kommt es nicht einmal als lächerlich pathetisch rüber, wenn sich Emmanuel Macron implizit als Erbe von Jeanne d’Arc, Bonaparte und de Gaulle sieht.

 

Das geht nicht immer zusammen. Im Gegenteil: meist sind diese Erwartungshaltungen eine verlässliche Quelle kollektiver Frustration. Aber manchmal passt’s einfach, so wie bei den Blauen dieses Sommers. Die Übereinstimmung des Gruppenverhaltens mit den Erwartungen des Kollektivs zeigt sich in der Regel erst über eine gewisse Dauer, weshalb die Franzosen auch erst nach dem Viertelfinale alle Zurückhaltungen bei der Unterstützung ihrer Mannschaft fallen ließen. Dass die Jungs verdammt gut kicken können, wusste man sowieso. Aber würden sich die als Individualisten gehandelten Stars wie Antoine Griezmann oder Paul Pogba in der Tat voll in den Dienst der Mannschaft stellen? Würden die zum Bankdrücken verurteilten Topverdiener wie Ousmane Dembelé oder Corentin Tolisso die Enttäuschung herunterschlucken und in positive Energie verwandeln können? Würde sich ein Torjäger wie Olivier Giroud tatsächlich einem taktischen Korsett unterordnen, das ihn zum Gespött der sozialen Netzwerke machen würde?

 

Das Identifikationsangebot der Nationalelf griff, als definitiv klar wurde, dass die positive, solidarische und mitreißende Gruppendynamik keineswegs gespielt war und dass dieses Team trotz der hinter dem spielerischen Potential zurückbleibenden Umsetzung des vorhandenen Talents sein Ziel mit Entschlossenheit verfolgte.

 

Wie genau Didier Deschamps es geschafft hat, diesen Mannschaftsgeist zu formen, wird sein Geheimnis bleiben. Aber sein pädagogischer Mix aus professioneller Autorität und väterlicher Nähe schlug offenbar an. Die Invasion der Pressekonferenz nach dem WM-Finale, als ein Dutzend halbnackter Verrückter minutenlang ihren Trainer feierte, sprach Bände.

 

Insofern stellte Deschamps eine nahtlose Verbindung her zu seinem Mentor von 1998; Aimé Jacquet. Trotz seiner großen Erfolge als Spieler und Trainer ist Deschamps, wie schon Jacquet vor ihm, der Pariser Medien-Elite immer mit maximalem Misstrauen begegnet. Seinen Job als „sélectionneur“ der Nationalmannschaft trat er überhaupt nur unter der Bedingung an, den mittlerweile 75-jährigen Philippe Tournon aus dem Ruhestand zurückholen zu dürfen. Tournon, der schon bei der Europameisterschaft 1984 als Pressesprecher unter Michel Hidalgo gedient hatte, war für Deschamps mit der Gelassenheit des Veteranen gleichzeitig Schutzschild und „V-Mann“ im Umgang mit den immer an der Polemik interessierten Pressevertretern.

 

Vor allem aber sind die fußballerischen Grundüberzeugungen, die Didier Deschamps vertritt, absolut deckungsgleich mit denen von Aimé Jacquet. Schon im Vorfeld der WM 1998 machten es der Trainer und sein vom italienischen „Realismus“ geprägter Kapitän wiederholt klar, dass sie ihre Maximen wie „Das schöne Spiel, das ist eine Illusion“, „Das Konzept der Freude existiert nur im Gewinnen“, „Du musst die Schlacht im Mittelfeld für dich entscheiden“, oder „Schönheit gibt’s nur im Sieg“ absolut wörtlich nahmen. Und dass sie Disziplin, Loyalität und Solidarität innerhalb der Mannschaft über alles stellten.

 

Unter Jacquet fielen diesen Prinzipien international anerkannte Top-Stars wie David Ginola oder Eric Cantona zum Opfer. Unter Deschamps traf es Karim Benzema. Beide wurden Weltmeister mit einer eisernen Defensiv-Disziplin, der sich alle zehn Feldspieler unterzuordnen hatten. Beide hielten an einem gesetzten Mittelstürmer fest, der über das gesamte Turnier ohne Torerfolg blieb (erinnern Sie sich an Stéphane Guivarc’h? Eben.)

 

Deschamps war, wie schon Jacquet, besessen davon, aus den Schlüsselmomenten der französischen Fußballgeschichte die richtigen Lehren zu ziehen. Der Ursprung des schamlosen Zeitschindens bei der WM 2018? Natürlich das Drama von Sevilla 1982, als man bei 3:1 in der Verlängerung recht naiv weiterspielte und sich von den Deutschen noch mal einfangen ließ. Die Erklärung zynischer Ballabschirmungs-Eckbälle in den Schlussminuten der K. O.-Runden? Die Tragödie vom November 1993, als Ginola in der letzten Minute fröhlich nach innen flankte und den Bulgaren so das Konter-Tor ermöglichte, das die Truppe um Deschamps von der WM in den USA ausschloss. Die abgezockte (und glückliche) Ausnutzung von Standardsituationen? Das WM-Finale von 1998, als Jacquet die Eckbälle als einzige Schwäche der Brasilianer ausgemacht hatte und Zidane gleich zweimal einköpfte.

 

Es führt wohl kein Weg daran vorbei, Didier Deschamps als außergewöhnliche Führungspersönlichkeit anzuerkennen. Einer, der mit 20 Kapitän war in Nantes und mit 24 in Marseille, sowie in allen französischen Auswahlmannschaften, in die er berufen wurde, dem muss man wohl ein gewisses Charisma zugestehen.

 

Als er im Jahr 2000 seinen Rücktritt aus der Nationalelf erklärte, brachten die satirischen Gummipuppen der Guignols de l’Info, die sich schon jahrelang über seinen baskischen Akzent und seine nichtssagenden Pressekonferenzen lustig gemacht hatten, einen originellen Sketch ins Fernsehen, in dem Deschamps zu Ehren ein Denkmal in Lebensgröße eingeweiht wird. Als die Statue enthüllt wird, sind alle ein bisschen peinlich berührt, denn der elegante, hochgewachsene Spieler mit im Winde wehender Frisur – eine Mischung aus Cruyff und Sokrates – ähnelt dem Geehrten in keiner Weise. Als das Tuch dann ganz weggezogen wird, wird klar warum: Deschamps liegt in Wirklichkeit auf dem Boden und grätscht dem Eleganten grade den Ball ab.

 

Der Subtext war klar: den Guignols, wie vielen Medienvertretern, war der Fußball von Deschamps schon damals nicht schön genug. Genauso wie sein Fußball heute vielen Beobachtern zu wünschen übrig ließ. Man kann wahrscheinlich davon ausgehen, dass ihn das nicht mehr berührt. Sein wahres Denkmal sind die beiden Sterne auf dem blauen Trikot. Und das breite Grinsen auf dem Gesicht der Franzosen, wenn sie, je nach Generation, an die Sommertage von 1998 und 2018 zurückdenken.


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