Aus dem aktuellen Heft 84


 

Kreta Südwest, 09.11.2016, Trump-Day

Von Günter Joschko

 

 

Zuhaus der erste Schnee, in Washington Donald-Trump-Day. Hier 25 Grad und strammer Wind aus Südost, die Resthitze aus der Libyschen Wüste flirrt über die Kiesel am Strand. "The beach is deserted", singt Bob Dylan, "except ...", ja außer den 70, 80 Ziegen, die westwärts in die nächste Schlucht ziehen. Die Badegäste weg, die Archaik zurück.

Die nächsten fünf, sechs Monate alles beim Alten. Alles? Es wird wieder ein milder Winter werden, sagt die Olivenbäuerin, wie der letzte schon. Kaum Regen und Schnee in den Weißen Bergen. "Something strange is going on", singt Bob Dylan und sagt die Bäuerin. Das Wasser auf der Insel wird knapp und knapper. Das Weltklima ist schneller als die Abkommen, da hat nur ein Trump noch gefehlt.

Überraschungen hat dafür der Fußball, das Kleeblatt 2:1 gegen Bochum, die Pleiteserie gestoppt, der Trainer überlebt. Dank WLAN und Tablet koexistieren Archaik und Topaktuelles scheinbar ohne Probleme.

"Das Meer ist heute herrlich", sagt die über die Jahrzehnte zur Kreterin gewordene Seniorin aus Niederbayern. Heute? Vor gar nicht so langer Zeit war das Schwimmen hier immer wunderbar, das ganze Jahr. Heute trägt der Westwind tageweise die Moderne herbei, oder die Halbmoderne: all das Abwasser aus den Hotels, Pensionen und Gemüseplantagen 10, 15 Kilometer die Küste runter. Die EU hat eine Kläranlage gebaut, Pilotprojekt, nach der Pilotphase fehlten der Stadt Geld und Lust zum Eigenbetrieb. Der alte "Hippiedream" des Neil Young, er war schon immer ein verlorenes Paradies, nie ganz von dieser Welt. Heute ist er über den Rand der Welt gekippt, in jenen Abgrund, der sich zu Platons Zeiten gleich hinter Gibraltar auftat.

Es ist keine 50 Jahre her, dass die Hippies Kreta fanden. Und Kreta die Hippies. Als hätte man sich gesucht und gefunden, seelischer Gleichklang vom ersten Raki an. "I'm on my way to India", erzählten viele. Und kamen von Kretas Südküste nie mehr entscheidend weg. "I put on my finest silver", singt Joni Mitchell, schön machen für den Abendtreff vor den Höhlen Matalas. Auf Hydra, 100 Seemeilen nördlich, lebte damals der Dichter und Sänger Leonard Cohen und schrieb 'Songs From A Room'. "The windows are small, the rooms almost bare." Das reichte.

Es war schon immer schwer, beides zu sein, Hippiefreund und Fußballfan. Das ewige Bearbeiten-bis-es-weh-tut, dieses endlose Trainer-Sportdirektor-Präsidium-Raus!-Rumoren, wenn die Punkte fehlen. Nein, das Glück des Fans ist auf Action aus, das des Hippies auf Satisfaction. Versöhnungen gibt es trotzdem, damals zum Beispiel, als zu Beckenbauers Teamchefzeiten das Kicken über Stock und Stein auch im Süden Kretas in Blüte stand. Oder in einigen skurrilen Biografien.

Das Gute am Fußball: Es ist immer was los, außer vielleicht im Präsidium von Greuther Fürth. Ansonsten aber lassen einen die Ereignis- und Ergebnisketten nie ganz allein. Aber eben auch nicht los.

Das Gute am Hippietraum? Im Kern, dass nie was los ist, dem Kult der Untätigkeit sei Dank. Denn es muss nichts passieren, die Poesie, das Licht, die Liebe, es ist immer schon alles da.

Mein Orthopäde sitzt mir Nacken. Er will was für die Facebookseite der FanVereinigung Leo Fürth, einen 'Essay' gleich. Schwierig, meine Gelenke sind schlecht, mein Orthopäde ist ein guter Mann. Also sollte man besser doch ... seufz, also den alten Traum der Untätigkeit unterbrechen. Aber Facebook, ausgerechnet? So werde eben heute kommuniziert. Punkt. Meine Tochter ist 12, auf WhatsApp, auf Facebook ist sie lieber nicht. Mein Orthopäde ist moderner. Und gewiefter womöglich auch: egal ob schräg, ob daneben, Ägäisreport, anything goes. Das ist der Köder.

Gut, das hat er nun davon. Was weiß ich, ob Ruthenbeck zu wenig dies und Hack zu viel das ist?

Es gibt diesen alten Bekannten von der Insel, den "Beacher". Ein hartnäckiger Hippieträumer vor dem Herrn. Egal wie gebrochen, verdreht, und mit einer fragwürdigen Liebe für den FC Bayern, er hat sich was bewahrt. Mit vollem Namen heißt er "Extrem-Beacher", und beides stimmt. Er hat extrem wenig, Schlafsack, Zelt und vor allem diese überbordende Sammlung kretischer Musik, das meiste noch auf ausgeleierten Kassetten. Und er beacht tatsächlich wie kein Zweiter, einfach extrem. Im Februar, März schon in Matala am Red Beach, später an den Isarstränden südlich von München, im Herbst wieder auf Kreta. Das bisschen Geld dafür verdient er zwischendurch als Heizungsableser. Alles hat mit Wärme zu tun, und mit einem Maximum an Untätigkeit im landläufigen Sinn.

 

Wer aussteigen will, hieß es mal, der braucht vor allem die drei G's: Gesundheit, Glück und Gutes Wetter. Dann ginge es auch ohne das ganz große G, das Geld.

Fußball kommt in dieser Rechnung nicht vor, nur in der Gleichung Fußball = Geld.

Der Beacher hat heute den 60. im Blick, seine Glücksrechnung ist bislang aufgegangen. Weil es für ihn genug gab von den drei G's, und weil es den FC Bayern gibt. Wie auch sonst? Von Flower & Power & freier Liebe ist längst nicht mehr viel da, davon wird keiner satt. Von den ewigen Siegen der Bayern, verlässlich seit den Zeiten des Hippietraums, offenbar schon. Es sei ihm gegönnt.

Mit dem Kleeblatt lebt sich's natürlich anders. Dieses eine Intermezzo ausgenommen, schon länger als Woodstock nicht mehr erstklassig, da muss die Liebe zum Kolorit helfen. Das Grüner, die Wurst, das Bad im grünweißen Fahnenmeer.

"Old Ideas", heißt eine von Cohens letzten Platten, sie liegen irgendwo in der Mottenkiste. Das Gute am Untätigsein war immer: Wer wenig macht, macht auch wenig Dämliches; oder Bösartiges. Unser US-getriebener Konsumismus verlangt das Gegenteil, yippie yippie yeah, es gibt immer was zu tun! Einkaufen und Geldausgeben vor allem, Dinge anhäufen und dann schnell wieder weg damit. So kreiseln die Daumen rastlos über 1000 und 1ne Website, immer auf der Suche nach Dem Angebot, Der Info, Dem Ergebnis. "Optimierung des Banalen", rund um die Uhr, hat es gestern ein kluger junger Bursche am Strand genannt. Von Beruf IT'ler.

Es hat Tage und Wochen gebraucht, um den Umgang mit Tablet, WLAN, Bluetooth, Playstore, Spotify zu lernen. Dafür konnte ich heut in aller Früh den Trump-Sieg auf b5aktuell erleben, weit entrückt und live dabei. Was für ein Gewinn. Und was für ein Jammer, dass wieder keine Zeit blieb, um endlich doch mal 'Moby Dick' zu lesen, oder 'Krieg und Frieden', oder noch einmal den grandiosen 'Stoner' von John Williams (John who? – eben).

Extremisten leben gefährlich, das wissen wir nicht erst seit Lenin und Lennon. Und doch bräuchte der digitalisierte Extremkonsumismus (und die Unterbezahlung breiter Schichten) endlich wieder eine echte Fundamentalopposition. Der Hippietraum hatte was im Angebot, doch "The times, they are a'changing". Blöd nur, dass es beim von Dylan ursprünglich besungenen Zeitenwechsel noch die Spießer und Reaktionäre waren, die der Zukunft im Weg standen. Jetzt ist es genau andersrum. Mit Trump voll Stoff zurück in die 50er, das war ein Ausblick des Tages.

Das Schöne auf der Insel ist immer noch, was im Stadion unerträglich bleibt: das Sitzen. Wie nirgends auf der Welt lädt das Land zum Platznehmen ein, den Dorfmenschen wie den Fremden. Der griechische Hocker steht an allen möglichen und unmöglichen Stellen, vor Cafenions, Tavernen genauso wie am Meer, vor Bushaltestellen oder irgendwo im Gelände. Er ist das Einladende schlechthin, und eh man sich's versieht, wird man selbst zum Hocker. Heute das grün(blau)weiß tobende Meer vor Augen.

Der landestypische Hocker ist ein Sinnbild von Cohens 'Old Ideas', aber selbst der große Troubadour der kargen Sinnlichkeit mag nicht mehr, und schon gar nicht mehr dran glauben. "You Want It Darker" heißt seine allerletzte Scheibe. Ohne Fragezeichen.

Wenigstens das Nobel-Komitee hat jetzt fast alles richtig gemacht: den Literaturpreis für Dylan, bloß dass Cohen & Young mit aufs Podium gehörten.

Und was hilft all das dem Kleeblattfan?
Cohen hilft: "We are ugly but we have the music".
Dass wir vom Ronhof sind, hallihallo ...


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