Aus dem aktuellen Heft 96


 

Gentlemen, last orders, please!

Fussball und Pubs in Grossbritannien

 

Von Fabian Brändle

 

Wann immer ich auf Reisen bin und mich an den Tresen setze, spähe ich nach einem Wimpel, der sich zwischen all den Schnapsflaschen befinden könnte. Werde ich fündig, ergibt sich schnell ein Gesprächsthema. Ich kratze mein so nützliches Fussballwissen zusammen auf der Suche nach vergangenen Triumphen des Vereins, nach legendären Spielern. Meistens schluckt der Barkeeper den Köder und beisst an: Hat nicht Zbignew Boniek einmal für Widzew Lodz gespielt, stand Atalanta Bergamo nicht einmal als Zweitligist in einem europäischen Halbfinale, ist Recreativo Huelva nicht der von Engländern gegründete, älteste Verein Spaniens?

Einmal im Gespräch, finden sich schnell weitere Themen, Politik, Geschichte, die Sehenswürdig­keiten des Umlands, Geheimtipps, selbstverständlich. Fussball, so der berühmte englische Historiker Eric. J. Hobsbawm, ist die lingua franca der Arbeiterklasse. Wer etwas weiss, Statistiken auswendig kennt, an einem bestimmten gloriosen Spiel live mit dabei war (als Kaiserslautern die Bayern niederkanterte ...), der gilt etwas im Freundeskreis. Fussball ist auch reden über Fussball. Und die Bar, der Pub, das Public House, die Beiz, das Beiserl, die Kneipe, das Bistro ist ein favorisierter Ort von Gesprächen, von Tratsch und Klatsch. Dort wird nicht zuletzt die Hierarchie innerhalb der Strasse, des Dorfs, des Quartiers verhandelt.

Das war im späten 19. Jahrhundert, als sich der Fussball in Grossbritannien professionalisierte und zum Amüsement der working class avancierte, nicht anders. In Pubs traf man sich samstagabends, liess die Woche Revue passieren, politisierte, widmete sich dem „social drinking“, polemisierte und rekapitulierte wenn immer möglich das Match des örtlichen Clubs. Wer Streit suchte, fand bestimmt einen Kontrahenten. Oft flogen die Fäuste. Der Pub war damals noch eine Männerwelt, Frauen waren vom Besuch weitgehend ausgeschlossen. Wer etwas darstellen, seinen Status dokumentieren, sich sehen lassen wollte, besuchte die Wirtshäuser, wo die eigene Ehre verhandelt wurde, aber auch wichtige Informationen und Neuigkeiten in Erfahrung gebracht werden konnten. Die Wirte (landlords, publicans) spielten denn auch eine prominente Rolle in der Kommerzialisierung des Sports, hatten bereits in der Frühen Neuzeit (1500 – 1800) Box- und Hundekämpfe, Kegelspiele oder gar Ruderregatten organisiert.

Wie sich beispielsweise der 1926 geborene Wirt des „Five Lions“ in York, Fred Veitch, erinnerte, waren die Pubs in der Zwischenkriegszeit die Zentren des Amüsements. Veitch erinnerte sich an Akrobaten, an Musiker, die Akkordeon, Ukulele, Geige und Banjo spielten. Eine frühe Jukebox spielte die Hits der Zeit.

Typische „Pubgames“ waren Domino, Billard, Snooker, Darts oder ein Spiel namens „tippit“, bei dem Münzen umhergeschnippt wurden. Für spielerische Wettkämpfe organisierten sich auch Frauenteams. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts gingen dann doch immer mehr Frauen ins Wirtshaus. Ob sie ihre Gatten und Söhne kontrollierten?

Die Wirtinnen und Wirte waren die eigentlichen Vermittler zwischen Volkskultur und Kommerz, denn sie waren stets auf dem Laufenden, was bei ihren Gästen besonders gut ankam. Die Präsidenten der 46 Profivereine von 1885 bis 1915, waren vorwiegend Wirte und kleine Ladenbesitzer. Der Pächter des im Londoner Stadtteil gelegenen „White Hart“-Pub stellte den dort ansässigen „Hotspurs“ eine Wiese zur Verfügung, und die Keimzelle von Manchester United war das „Three Crowns“ im Norden der Stadt. Noch bedeutsamer waren freilich die vielen, oft kurzlebigen Teams, die von den Stammkunden eines Pubs gegründet worden waren. Alleine für Birmingham hat ein Historiker (Molyneux) nicht weniger als 13 Clubs gefunden, die von 1876 bis 1884 den Namen eines Pubs trugen.

Mitte der 1880er Jahre stellten unternehmerisch denkende Wirte ihren Gästen einen Resultatservice zur Verfügung. Die Klubsekretäre wurden angehalten, die Resultate mittels des unlängst erfundenen Telegraphen zu übermitteln. Später heftete man spezialisierte, dünne Zeitungen, die „Green ‘Uns“, an die Wände. Die schnelleren Kommunikationsmittel steigerten das Interesse am Fussball zusätzlich, war es doch nun möglich, die Auswärtsresultate der Lieblingsmannschaft innert nützlicher Frist in Erfahrung zu bringen, um danach den bereinigten Tabellenstand mit Freunden zu diskutieren.

Natürlich kamen die in Windeseile bekannten Resultate auch den zahllosen Wettern entgegen. Das Interesse am Sport war selten blosser Spass, sondern beinahe immer mit Wetten und regelmässig ausgeschütteten kleinen Preisgeldern verbunden. Die Einsätze waren selten höher als ein paar Pence, aber ein richtig getipptes Resultat bescherte den glücklichen Gewinnern einen hoch willkommenen Zustupf zum knappen Familienbudget. Im Jahre 1929 gab es schäzungsweise fünf Millionen regelmässige Wetter. Zwar waren Pferderennen die mit Abstand populärsten Wettangelegenheiten, doch kam es auch bei Fussballspielen zu immer mehr Wetten.

Der Fussball war also eingebettet in die Kultur der Arbeiterklasse. Da das „Pub“ ein Zentrum dieser Kultur war, vermag es nicht zu erstaunen, dass Wirtshaus und Fussball eine fruchtbare Symbiose eingingen. Die Ausgangskultur in Großbritannien hat sich allerdings sehr verändert seit den 1990er Jahren. Viele traditionelle Pubs sind eingegangen. Sogar das Guinness ist nun oft eisgekühlt...


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