Aus dem aktuellen Heft 98


Singen verboten, aber Sex ist erlaubt!

Die BILD-Fußballbeilage zum Saisonauftakt in der weiß-blauen Variante jubelt und jubelt und preist und hochpreist

 

Von Stefan Erhardt

 

Saisonstart der bayerischen Profi-Klubs – zehn an der Zahl, in der ersten, zweiten, dritten Liga. Das ist dem sich stets unabhängig und überparteilich gebenden Blatt in seiner München-Ausgabe vom 18. September 2020 eine Beilage wert – 24 randgerautete Großseiten, die ganz im vertrauten bajuwarischen Selbstverständnis fordern: „Lasst uns wieder jubeln!“

Natürlich überstrahlt der FC Bayern alles. Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von BILD-Süd-Sportchef Jörg Althoff. Und wie auch immer man zum FC B. und zur BILD steht: der Mann hat Recht. Da war das Eröffnungsspiel gegen Schalke noch gar nicht gespielt. Da hatten sich die Bayern-Granden noch nicht in lässiger Missachtung der Hygieneregeln Sitzschale an Sitzschale nebeneinander gefläzt. Wie die Schalke-Vorstandsknappen übrigens auch.

Die kleine kicker-Beilage

Die BILD-Linie gibt Elder Statesman Hitzfeld vor: es geht um Leistung, Leistung und nochmals Leistung. Man hört das Kohl’sche Diktum von „Leistung muss sich wieder lohnen“ durch, damals als Slogan zur Einleitung einer geistig moralischen Wende geprägt. „Riesenleistung“ bescheinigt er Hans-Dieter „Hansi“ Flick, „Top-Leistungen“ mehrfach der Mannschaft, „Weltklasse mit Sané“ wird dem „Rekordmeister, Rekordpokalsieger und Triple-Gewinner“ zugeschrieben – und wer wollte das auch nur für einen Einwurf lang in Zweifel ziehen? Da war das Quadrupel noch nicht errungen, das Quintupel noch in einiger Ferne.

Von diesen erschütternden und ernüchternden Erkenntnissen abgesehen: die BILD-Süd-Sportredaktion weiß, wie sie die bairischen Ansprüche in bewährter unverbindlicher Manier aufs geduldige und schnell verbleichende Papier bringt. Die Fragetaktik: Mit „Alt wie nie – kann das gutgehen?“ wird der FC Augsburg abgemahnt, „Geht’s diesmal um den Aufstieg?“ wird unbedarft der Clubb aus Nürnberg angestupst.

Die Frage „Wer wird die zweite Macht in München?“ hingegen ist der müde Versuch, den ewigen Traditions-Löwen mit dem streitbaren Verein Türkgücü einen vermeintlichen „Rivalen“ anzudienen – als ob die Sechzger nicht sich selbst Rivalen genug sind… Unter Umständen (die noch zu ergründen wären) entscheidet sich hier das Wohl oder Wehe des Vereins wie beim Waschmittel – seine Finanzkraft macht ihn so ergiebig.

Auf einen „Findungsprozess“ will es der Cheftrainer der Spielvereinigung Unterhaching (Sie wissen schon – die weiland Leverkusen die Meisterschaft verdorben haben) ankommen lassen; der FC Ingolstadt mit dem nicht gerade angriffsfußballerisch attraktiven Beinamen „Die Schanzer“ nennt den Aufstieg in die zweite Liga als Ziel; hingegen – und hier schließt sich der bajuwarische Leistungszirkel – möchte die zweite Mannschaft des FC Bayern (jaja, auch dritte Liga) nach dem „historischen Erfolg“ in der letzten Saison (Meister, was sonst) diesen Titel verteidigen – was „dank starker Jugendarbeit wieder drin“ sei, so BILD.

Zwei Dinge fallen beilegerisch auf: Zum einen eine Übersicht über bayerische Spieler in der ersten Liga – da verweigern sich bisher nur Borussia Dortmund, die TSG 1899 Hoffenheim, der FC Schalke 04 und Eintracht Frankfurt dem Eintrag von bayerischer Fußball-DNA.

Zum zweiten: die Anzeigen. Das ist eine geschickt arrangierte Mischung aus dem, was einen in Bayern erwartungsgemäß erwartet – absurd überpreiste Wohnungen, naturhopfiges Bier, edle Zahnarztpraxen, Sessel mit Aufstehhilfe und Mercedes-Benz-Karossen, abgerundet von der Seitensprungplattform c-date (was, gleichklingend mit dem Englischen Verb „sedate“, daran erinnert, dass auch der arroganteste Luxus irgendwann einmal abstumpfen lässt), die ganz viagrös und den Älteren unter uns noch lotharmatthäisch („Unser Schwarzer hat sooon Langen!“) eine Verlängerung andient. Oh, wie ist das schön! Ganz im Einklang mit der Titelschlagzeile des eigentlichen Blattes: „Härtere Corona-Regeln in der Kirche als im Puff: Singen verboten, aber Sex ist erlaubt!“ Ja, und Amen.


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