Aus dem aktuellen Heft 89


 

 

Bruno Laberthier:

 

 

SV Canossa 98, oder: Das Männerding zwischen Dirk

Schuster und Rüdiger Fritsch

 


 

Die 2018/19er-Saison steht vor der Tür, eine schwer im Magen liegende WM ist Vergangenheit. In der Bundesliga wird nach einem Katalanen, einem Italiener und einem Ostholländer nun ein Kroate im Transitzentrum an der Säbener Straße einziehen und dem FC Bayern zur Flucht nach vorne verhelfen. Ausgerechnet Redbullsport Leipzig hat den Coach von ausgerechnet der TSG 1899 Hoffenheim vorausverpflichtet, was nach einem auf beiden Seiten ausreichend gesponserten Schwanzvergleich klingt, obwohl – jede Wette! – keine(r) von beiden am Ende den Kürzeren zieht. Die Liga hat ein zuletzt eher lästiges Schwergewicht ins Unterhaus entsorgt, den HSV. Begleitet werden die Hamburger vom Platzhirschverein aus der viertgrößten Stadt des Landes, dem FC aus Köln. Was den Klassenerhalt leichter machen dürfte für Teams mit niedrigen Etatlaktatwerten. Selbst die Fortuna aus der Verbotenen Stadt Düsseldorf kann hoffen auf eine Saison mehr als angedacht im Geldspeicher Erste Liga. Gescheitert an diesem Ziel ist – wer hätte sie nicht genauso gerne beim BVB und auf Schalke, in Fröttmaning oder an den Autobahnen von Sinsheim oder Leverkusen kicken sehen? – … gescheitert ist Holstein Kiel. Der letzte große Ausreißeraufsteiger in die Bundesliga ist und bleibt damit der SV Darmstadt 98.

 


 

Bundesligaabsteigerschicksale

 

Ja, die Lilien. Auf die sollte man vierzehn Monate nach ihrer wundersam zweijährigen Erstklassigkeit mal genauer blicken. Denn: ergeht es den unerwarteten Bundesligaaufsteigern nach ihrem vollkommen erwartbaren Wiederabstieg aus Liga 1 nicht mehr oder weniger schlecht?

 

St. Pauli und Karlsruhe oder – länger zurück – Rostock. Zuletzt Paderborn und (zugegeben nicht im direkten Durchmarsch) Eintracht Braunschweig: alle mussten oder müssen durchs Tal der Tränen, das dann klassenzugehörigkeitsmäßig südlich (= unterm Strich) der 2. Liga liegt.

 

Oder 1860 und der 1. FC Kaiserlautern, die scheinbar auf besonders gescheiterte Weise nicht klarkamen mit der kognitiven Dissonanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und auf dicke Hose machten, statt sich gesundzuschrumpfen. Ein, zwei Spieler vom Gnadenhof „Ehemals Extraklasse“ und das eine oder andere Juwel aus dem unbekannten, aber doch bestimmt verlässlichen Lande Spielerberatistan kann man sich doch leisten … oder?

 

Also her damit.

 


 

Meier, Fach – Frings

 

So war das auch der SV Darmstadt 98 angegangen, und zwar schon anno 2016 und noch in der Bundesliga. Der Verein wäre damit beinahe fies abgeschmiert. Die Sperenzchen unter Norbert Meier, dem Darmstädter Misserfolgscoach aus der ersten Hälfte des Bundesligawiederabstiegsjahres, dem sein alter Spezi, Sportdirektor Holger „Nichtvomfach“ Fach offenbar jede Menge limitierte Kicker aus besagtem Spielerberatistan aufschwatzte, konnte sein Nachfolger Torsten Frings nicht mehr reparieren. Trotz Wiedereingliederungsmaßnahmen vom Gnadenhof (Altintop, Sobiech, Großkreutz) und einiger tatsächlich talentierter Spielerberatistaner wie Joevin Jones ging es für die Lilien zurück in das nach ewiger Dritt- und Hessenligazugehörigkeit noch nicht mal angestammte, aber passende Gefilde der 2. Liga.

 

Dort geschah zunächst das, von dem sie in Paderborn und Pauli und beinahe auch Fürth ein Liedchen singen können: Es passte nicht, es ging alles schief und schiefer. Nach augenwischenden Anfangserfolgen peilte der SV Darmstadt 98 spätestens im November 2017 konsequent den direkten Doppelabstieg an.

 

Und dann kam endlich, das Männerding zwischen Dirk Schuster und Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch. Genauer, das Männerding kam zu einer Lösung – und damit zum Tragen.

 


 

Schuster und Fritsch, vor und nach der Peripethie

 

Zum Verständnis und als Rückgriff. Dirk Schuster kennen alle, nicht nur die Fußballfreunde in Darmstadt: das war der Coach, der die Lilien von der Kippe runter zur Regionalliga bis hoch in die Bundesliga geführt hatte und – against all odds – dort für den Klassenerhalt verantwortlich zeichnete. „Sandro Wagner“, „Abwehrbollwerk“ und „fiese Nadelstiche über Marcel Heller“, „Aytaç Sulu Torschützenkönig unter den Abwehrspielern“, überhaupt „Standardspezialistentum“: das als Gedächtnisstützen.

 

Im Mai 2016, nach dem Bundesliga-Klassenerhalt, machte Schuster plötzlich am Böllenfalltor die Biege, heuerte in Augsburg an und hinterließ nicht nur ratlose, sondern viele enttäuschte und wütende Gesichter. Allen voran, so sah und sieht es aus, Rüdiger Fritsch, der Lilienpräsident, der Gott-sei’s-getrommelt von den fachlichen Seiten der Wundertüte Fußballspielen(lassen) nicht sooo die Ahnung zu haben scheint und sich zudem mit jeder Menge Gedöns abzuplacken hatte: dem altehrwürdigen „Bölle“ etwa, das die DFL gerne zu einer stromlinienförmigen Arena nach dem Vorbild der autobahnnahen Baumarktkisten um- und ausgebaut wissen wollte.

 

Kurz: Fritsch, der Präsident, und Schuster, der Trainer, guckten sich mit dem Arsch nicht mehr an.

 

Norbert Meier übernahm, wie gesagt, und der Durchmarsch der Lilien in Liga 2 nahm Konturen an. Dirk Schuster ließ unterdessen in Augsburg keinen unerfolgreichen Fußball spielen, gleichzeitig ließ er (so munkelt man, und sagt es so schön) die Finger nicht immer bei sich – was ihm angeblich ein blaues Auge von Raúl Bobadilla und, weniger angeblich, tags darauf die Kündigung durch den Augsburger Fuppeskisten-Sportdirektor Stefan Reuter einbrachte. Schuster wurde abgefunden mit Kühlsalbe und einem Platz auf, so scheint es heute, der Strafbank der schwervermittelbaren Übungsleiter Fußball.

 

Zeitgleich tat Rüdiger Fritsch einen wichtigen Schritt in Richtung Trainer-, Trainermenschen- und Fußballkompetenz. Er feuerte am 5. Dezember 2016 Norbert Meier. Auf ihn folgte als neuer Trainer des SV 98 Torsten Frings: ein prima Kerl, gar keine Frage – dem nach dem längst eingepreisten Abstieg im Sommer 2017 nur die Nachfolgesaison in Liga 2 entglitt.

 

Dirk Schuster fand unterdessen keinen neuen Verein, und wollte das vielleicht auch noch gar nicht: schließlich hatten er und sein Co-Trainer Sascha Franz in Augsburg noch Vertrag.

 

Nach Darmstadt zurück, obwohl es dort brennt? Erstens, keine Anfrage. Zweitens, die Sache mit dem nicht ganz geräuschlosen Abgang zum FCA. Drittens, und deswegen, ein Männerding (vermute ich mal).Nur eines von der eher seltenen Sorte Zickenkrieg. Warum den Gang nach Canossa antreten? Soll doch der Fritsch sehen, wie …

 

Wer am Ende wie über seinen Schatten gesprungen ist, und wie weit: keine Ahnung. Wahrscheinlich beide zu gleichen Teilen. Aus dem ehrpusseligen Ding zwischen Schuster und Fritsch wurde jedenfalls wieder eines mit klassischem Mundabwischen-und-dann-gemeinsam-anpacken.

 

Und das war schon großes Kino im kleinen Darmstadt, man muss es mal schreiben und dabei feiern dürfen – denn es hat geklappt, wenn auch nur auf den letzten Drücker mit einer Punktlandung am vorletzten und letzten Spieltag. Der aus dem Nürnberger Exil zurückgeholte Tobias Kempe, ein (man muss es so sagen) alter Schuster-und-Fritsch-Schützling, machte den Klassenerhalt mit jeder Menge verwandelter Elfmeter und dem entscheidenden 1:0 im letzten Saisonspiel gegen Wismut Aue rund.

 


 

Die Richtigen

 

So kann es also gehen, so kann es einem Verein ergehen, wenn die Richtigen sich wieder zusammenraufen und vergangene unglückliche Entscheidungen korrigieren. Den rechten Zeitpunkt und die Notwendigkeit von Canossagängen zu erkennen, kann Leben, Ligazugehörigkeiten und ein wenig Fußballromantik retten.

 

Der Laberthier findet das jetzt erst mal gut und freut sich nach einem Jahr Unterbrechung wieder auf den HSV und den FC am Böllenfalltor.


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