Aus dem aktuellen Heft 93


Abnehmende Begeisterung

Notizen von der Talfahrt


Von Klaus Hansen

 

Entfremdung. Fußball war ursprünglich ein Spiel, das man in der Freizeit und zum Vergnügen spielte. Wird Fußball zum Beruf, verändern sich Spiel und Spieler. Das Spiel wird artifiziell und pfeilschnell, so dass es von den Freizeitfußballern auf dem Bolzplatz kaum noch nachgeahmt werden kann. In der Fußballbundesliga gibt es heute Spieler, die mit dem Ball am Fuß annähernd so schnell laufen wie Usain Bolt ohne Ball. Und die in punkto „Ballbeherrschung“ zirkusreifen Artisten nahe kommen. Diese Rastellis werden schnell zu sehr reichen Leuten (mit den dazugehörigen Attributen, „T-Bone-Steak in Blattgold“), die sich in Gated Communities niederlassen und von der übrigen Bürgerschaft abschotten: Der Berufsfußball entfremdet sich gleich in mehrfacher Weise von den Massen, auf deren gute Stimmung im Stadion er aber angewiesen ist, denn die gehört zum teuer verkauften Fernsehbild unbedingt dazu. Klar, dass immer mehr Fans sich wie nützliche Idioten fühlen. 

Verblendung. Das enorme Geld, das im Berufsfußball im Umlauf ist, bringt dank ausgetüftelter Früherkennungssysteme talentierte Vierzehnjährige hervor, die von sich sagen, dass sie für ihr Leben ausgesorgt haben. Diese von „Beratern“ gepamperten Teenager haben nichts mehr mit den gleichaltrigen Fans gemein. Aber sie stiften Flausen in deren Köpfen: Viele kleine Jungen geben heute ernsthaft als Berufswunsch an: „Fußballprofi“. Die früheren Ideale „Lokomotivführer“ und „Feuerwehrmann“ waren
realistisch. „Fußballprofi“ ist es nicht.

Desillusionisierung. Das viele Geld im Berufsfußball zerstört den Spielcharakter. Zu einem Wettkampfspiel gehört es, dass sein Ausgang ungewiss ist; von daher bezieht es einen Großteil seiner Spannung für den Zuschauer. Seit aber Geld Tore schießt, wissen wir, dass der Ausgang der Spiele berechenbar geworden ist. Am Ende einer Saison ist die Tabelle immer auch eine Geldrangliste: Oben stehen die Reichsten, unten die Ärmsten. Dass es der Mannschaft mit dem geringsten Etat dennoch gelungen ist, nicht abzusteigen,
wird am Ende fast mehr gefeiert als der Sieg des Krösus, weil man damit eine Hoffnung auf gute alte Zeiten verbindet. Aber es ist kein Hoffnungssignal, dass David immer noch
Goliath besiegen kann, sondern nur eine die Regel bestätigende Ausnahme.

Objektivierung des Spiels. Niemand im Stadion, weder Spieler, Schiedsrichter noch
Zuschauer haben gesehen, dass der Stürmer beim Torschuss im Abseits stand. Aber die
Videotechnik weist nach, dass zwei Centimeter der Schuhspitze im verbotenen Bereich
waren: Im neuen Fußball wird geahndet, was kein Mensch gesehen hat, und zwar im Namen einer „Gerechtigkeit“, die niemand der Beteiligten vor Ort eingefordert hat. Grundsätzlich kommt hinzu: Das Video-Auge sieht, was das menschliche Auge nicht sieht und definiert eine Realität, die es ohne das Video-Auge nicht gäbe. Dem Fußball geht damit das menschliche Maß verloren, das einst in der „Tatsachenentscheidung“ des Schiedsrichters seinen subjektiven Ausdruck fand.

Tohuwabohu. Fußball galt, auch dank seiner Regeln, als „einfaches Spiel“. Heute werden
die einfachen Regeln durch ständige Überarbeitung zu komplizierten Regeln. Ein absichtliches Handspiel eines verteidigenden Spielers im Strafraum ist mit einem Strafstoß zu ahnden. Über die „Absichtlichkeit“ entschied über Jahrzehnte der Eindruck des Schiedsrichters. Damit hatte man sich abzufinden. „Ich pfeife nur, was ich sehe. Was ich nicht sehe, kann ich auch nicht pfeifen.“ Schiedsrichter Dieter Pauly, 1986. Heute soll an einem Dutzend körperlicher Bewegungsabläufe, die sich von Saison zu Saison ändern können, unzweideutig festgemacht werden, ob Absichtlichkeit vorliegt oder nicht. Je mehr Kriterien, umso mehr Interpretationsspielraum, den man durch weitere Kriterien wiederum einschränken will. Regel-Tohuwabohu ist angesagt und stellt inzwischen ein eigenes Unterhaltungsformat für Comedians dar.

Dunkelmänner-Herrschaft. Die Antwort auf das kompliziert gemachte Regelwerk ist
die Vermehrung der Regelhüter. Aus einem Spiel, das von zwei Mannschaften gespielt wurde, ist ein Spiel geworden, das von drei Mannschaften gespielt wird. Denn inzwischen
reisen die Schiedsrichter im eigenen Mannschaftsbus an: Ein Schiri auf dem Platz, zwei
Linienrichter an den Seitenlinien, ein „Vierter Offizieller“ draußen zwischen den Trainerbänken, zwei Wächter über die Straf- und Torräume (bei besonderen Spielen) und bis zu drei Video-Richter als Dunkelmänner vor den Monitoren, macht summa summarum: neun. Ein Spiel, das in seinen Anfängen ganz ohne Schiedsrichter auskam, wird heute von einem Schiedsrichter-Team überwacht, das sich der Elfzahl der Fußballmannschaften annähert. Das Problem dabei: Viele Köche verderben den Brei.

Stimmungskiller. Die Anzahl nachträglich aberkannter Tore hat sich mit dem „Video-Beweis“ vervielfacht. Inzwischen halten sich sowohl Spieler als auch Zuschauer nach einem Tor mit ihrem Jubel zurück, weil sie ja nicht wissen können, ob der Treffer auch wirklich zählt. Wird das Tor nach fünfminütiger Unterbrechung und Videokontrolle gegeben, so gilt: Der „Flow“ ist zerstört, und nachgereichte Freude ist halbe Freude. Wird das Tor nicht gegeben, führt enttäuschte Hoffnung zur vorauseilenden Resignation. Beides Stimmungskiller, die zugleich wütend machen. Aus dem Stadion als sympathisch „brodelndem Hexenkessel“ droht eine gefährlich „tickende Zeitbombe“ zu werden.

Verwillkürlichung des Spiels. Fußball war immer ein Spiel, bei dem die Zeit das Spiel bestimmt, anders als beim Eishockey oder Handball. Nach 90 Minuten ist Schluss. Heute gibt es keine Spiele mehr ohne „Nachspielzeit“, die völlig willkürlich festgesetzt wird (und in der ungewöhnlich oft entscheidende Treffer fallen). In jedem Bundesligaspiel beträgt die „Nettospielzeit“, also die Zeit, in der der Ball wirklich rollt, ungefähr 70 Minuten. Wollte man auf 90 Minuten Nettospielzeit kommen, müsste man jedes Spiel cirka 20 Minuten länger laufen lassen. Aber man einigt sich im Durchschnitt auf zwei bis drei Minuten Nachspielzeit, weil man ja nur vermeintliche „Spielverzögerungen“ ausgleichen will. Reine Willkür. Der durch den Video-Beweis bereits entmachtete Wichtigtuer namens Schiedsrichter wird dadurch vollends zur Hassfigur.

Calcio parlato. Die mediale Präsentation, also der Fernsehfußball, verleiht einem Spiel
von 90 Minuten die Dauer von 300 Minuten, rechnet man Vor- und Nachberichterstattung
hinzu. Der „besprochene Fußball“ stellt den „gespielten Fußball“ weit in den Schatten. Der
Fußball wird so lange zerredet, bis alles, was sich vermeintlich sagen lässt, auch von allen
gesagt worden ist, und das mehrfach. Überdruss ist vorprogrammiert.

Kotzen. Obwohl Max Liebermann, der Malerfürst, den Spruch „Ich kann gar nicht so viel
fressen, wie ich kotzen möchte“ in ganz anderem Zusammenhang gesagt hat, geht es mir
im Hinblick auf den modernen Berufsfußball ganz ähnlich.

 


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