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Deyna Castellanos und ihre weinroten Guerreras auf dem Weg nach oben

Von Paul Schönwetter

 

Baseball und Basketball stehen in Venezuela ganz oben auf der Liste der beliebtesten Sportarten – Fußball rangiert erst dahinter. Bei den Männern sind es einzelne Spieler wie der jahrelange Bundesliga-Profi Juan Arango (Borussia Mönchengladbach), die sich einen Namen im Ausland machen oder gemacht haben, mit eher mäßigem Erfolg. Im Frauenfußball sieht das etwas anders aus. Denn mit Deyna Castellanos hat Venezuela einen Weltstar in seinen Reihen, der 1999 geborenen Offensivspielerin folgen 1,4 Millionen Menschen auf Instagram, seit Januar 2020 lautet ihre erste Profistation Atlético Madrid, 2017 war sie unter den drei für die Shortlist nominierte Spielerin der FIFA Football Awards. Sie war zweifelsfrei einer der heiß begehrtesten Spielerinnen des Planets. Allzu viele Partien hat die 21-Jährige aufgrund der Corona-Pandemie noch nicht bestreiten können, um ihr Können nachhaltig in einer Profi-Liga unter Beweis zu stellen.

Die grandiose Film-Dokumentation NOS LLAMAN GUERRERAS (SIE NENNEN UNS KRIEGERINNEN, Venezuela 2016) begleitete 2016 die goldene Generation der U17-Auswahl Venezuelas beim Juniorinnen-Turnier in Jordanien. Denn der Frauenfußball Venezuelas ist mehr als nur Castellanos, auch wenn Platz 57 der FIFA Weltrangliste noch ausbaufähig ist: Im U-Bereich waren die U17- und U20-Auswahlen regelmäßig bei den Turnieren vertreten und durchaus erfolgreich dabei. Als zweifacher U17-Südamerikameister landete sich der talentierte Nachwuchs anschließend 2014 und 2016 auf dem vierten Platz der U17-WM, die U20-Auswahl wurde 2015 Vize-Südamerika-Champion. Viele von ihnen haben es mittlerweile nach Europa geschafft, bereit, den nächsten Schritt ihrer Karriere zu gehen und damit ihre Nationalmannschaft, die „Vinotinto“ (zu Deutsch: die „Weinroten“, aufgrund der Trikotfarben) auf ein neues Level zu heben: Michelle Romero, Gabriela García und Lourdes Moreno (Deportivo La Coruña), Torfrau Nayluisa Cáceres (U.D.G. Teneriffa), Sandra Luzardo (Fundación Albacete) oder Torjägerin Daniuska Rodríguez (SC Braga) haben das Interesse von Klubs in Spanien oder Portugal geweckt. Yerliane Moreno (Cúcuta Deportivo) spielt in der neu gegründeten obersten Frauen-Liga Kolumbiens.

2016 beispielsweise stellte Verteidigerin Verónica Herrera einen Rekord als jüngste Spielerin bei der Copa Libertadores de América Femenina, der südamerikanischen Champions League, auf – mit zwölf Jahren. Nicht nur die Erfolge der U-Nationalmannschaften, das akribische Arbeiten und Vorankommen der Akteurinnen oder das reine sportliche Talent einer Generation an Fußballerinnen ist bemerkenswert: Viele der jungen Fußballerinnen kommen aus teils bitterarmen Verhältnissen, Fußball wird hierbei weniger als Ausweg aus der Armut, angesehen, denn willkommene Ablenkung. Castellanos, die mit der Florida State University 2018 die NCAA Women's Soccer Championship gewann steht in der Öffentlichkeit natürlich im Mittelpunkt: In der Fußballwelt fand die Nominierung der Weltfußballerinnen-Wahl 2017 und ihr Tor bei der U17-WM in Jordanien, als sie von der Mittellinie in letzter Sekunde gegen Kamerun traf und somit das Ausscheiden verhinderte, große Beachtung. Zumal sie sich mit lukrativen Verträgen gut zu vermarkten weiß. Dabei ist einzelne Geschichte sowie die Entwicklung der Spielerinnen dieser goldenen Generation bemerkenswert und lässt hoffen, dass Venezuela – wie 2011 Kolumbien – in den kommenden Jahren zur Frauenfußball-Nation in Südamerika werden kann. „Das schönste an der Sache ist, dass wir wissen, dass durch uns Mädchen in Venezuela sich nun für Fußball begeistern. Es wird im Schulunterricht gespielt, es ist keineswegs nur ein Sport für Jungs. Man sagt: ‚Ich will sein wie Deyna, Sandra oder Nayluisa.’ Oder wie eine der anderen Spielerinnen, die unser Land so toll repräsentieren“, sagt Castellanos.

Es geht nicht mehr darum, Vierter bei einem U17-Turnier zu werden oder sich für eine U20-WM zu qualifizieren – das Ziel ist die „richtige“ WM. Der Weg dafür ist geebnet. Denn dank der Erfolge der U-Teams mit ihrem Coach Kenneth Zseremeta stieg die Anzahl der venezuelanischen Fußballspielerinnen um 97 Prozent im Land. „Zu sehen, dass diese Generation eines Tages das Trikot eines sehr erfolgreichen A-Nationalmannschaft trägt, ist das letzte Ziel in diesem Prozess“, erklärt der ehemalige U17-Trainer Zseremeta, der mittlerweile Panamas Frauen coacht. Seit 2019 trainiert die Italienerin Pamela Conti die A-Nationalmannschaft der „Vinotinto“, deren europäischen Einfluss Castellanos explizit lobt, und will die erste Qualifikation zu einer Weltmeisterschaft schaffen.

Bei der Südamerika-Meisterschaft 2018 sah man durchaus gute Ansätze der A-Nationalmannschaft, auch wenn das Team nach zwei Niederlagen gegen die WM-Teilnehmer Brasilien und Argentinien die Segel nach der Vorrunde streichen musste – Castellanos wurde dennoch gemeinsam mit der Argentinierin Soledad Jaimes mit je fünf Treffern drittbeste Torschützin des Turniers. Zwei Mal spielte das Star-Talent eine U17-WM. „Die vier Jahre an der Florida State University waren unglaublich, dorthin zu gehen, war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagte sie im Live-Chat mit dem FIFA-Women’s-World-Cup-Instagramkanal: „Natürlich wäre es für mich und uns ein Traum, einmal mit dem A-Team von Venezuela eine Frauen-WM zu spielen. Unsere Spielerinnen sind fantastisch, eine große Generation, die immer besser wird und sich weiterentwickelt.“ Dass sie und viele ihrer Kolleginnen mittlerweile bei europäischen Clubs spielen, brächte die gesamte Nationalelf auf ein anderes Level, betont Castellanos. „Wir haben gute Chancen für die nächste WM 2023.“ Eine Überraschung, bei einer der nächsten beiden Weltmeisterschaften die „Vinotinto“ um Deyna Castellanos zu sehen, wäre es sicherlich nicht.


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