Aus dem aktuellen Heft 99


Boycott Qatar

 

„Ein stetig wachsendes Unbehagen“

Mit Bernd Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling sprach Stefan Erhardt

 

DtP: Die Corona-Pandemie hat auch den Profi-Fußball fest im Griff, zahlreiche Vereine geben an, dass ihnen die finanziellen Mittel ausgehen, die Verbände klagen über Zuschauerschwund und nachlassende Einnahmen. Jetzt ruft ihr dazu auf, das WM-Turnier in Katar zu boykottieren – habt ihr denn kein Mitleid mit den Verbänden?

Bernd Beyer: Nein. Warum sollen wir Mitleid mit einer korrupten Institution wie der FIFA haben, um die es hier in erster Linie geht? Und was den DFB und die DFL anbetrifft: Es gibt ja exzellente Vorschläge für eine Reform des Profifußballs – von einzelnen Vereinen (wie dem FC St. Pauli) und kritischen Faninitiativen. In jeder Krise steckt eine Chance. Aktuell heißt diese: „Liebe Verbände, setzt euch mit diesen Vorschlägen ernsthaft auseinander!“ Davon sehe ich aber nichts.

Dietrich Schulze-Marmeling: Mitleid gibt es in dieser Industrie ohnehin nicht. Es herrscht Egoismus. Siehe hierzulande beispielsweise der Umgang von Bayern und dem BVB mit den Forderungen kleinerer Profiklubs nach einer anderen Umverteilung der TV-Gelder. Dass der DFB in dieser Krise viel für die Amateure tut, kann ich auch nicht erkennen.  

DtP: Ein Boykott heißt aber auch, dass als letztes Glied in der Finanzkette die Spieler darunter leiden. Da brechen Lebensentwürfe zusammen… und jetzt bitte nicht den Spruch: Augen auf bei der Berufswahl!

DSM: Wir glauben nicht, dass Lebensentwürfe wegbrechen, wenn hierzulande viele Menschen die WM boykottieren. Die WM findet auch ohne uns statt. Die TV-Gelder werden trotzdem fließen, die Prämien werden trotzdem gezahlt. Und selbst wenn die deutsche Nationalmannschaft nicht nach Katar reisen würde, dann würde keiner der deutschen Nationalspieler anschließend am Hungertuch nagen. Das wäre auch nicht der Fall, wenn man sich gar nicht für das Turnier qualifizieren würde.

BB: Sie sind und bleiben Angestellte ihrer Vereine, mit Top-Gehältern. Unser Mitleid hält sich daher in Grenzen.

DSM: Vielleicht nimmt der Lebensentwurf von Herrn Infantino Schaden, sofern dieser – ähnlich wie sein Vorgänger Blatter – den Friedensnobelpreis anstrebt. Vielleicht auch das Geschäftsmodell FIFA. Aber wäre dies für den Fußball an der Basis von Belang?

DtP: Schon vor vier Jahrzehnten, in den 80er Jahren, ist der Ruf nach weniger Kommerzialisierung des Fußball-Sports laut geworden – genutzt hat’s nichts. Im Gegenteil: der Profi-Fußball ist zu einem systemrelevanten Faktor des Konsumkapitalismus geworden. Was ohne die Zuschauermassen nicht möglich gewesen wäre. Wen wollt ihr mit eurem Boykott erreichen?

DSM: Damit dies klar ist: Wir sind nicht gegen den Profifußball oder den Fußball als Zuschauersport! Was wir registrieren, ist ein stetig wachsendes Unbehagen gegenüber denjenigen, die den Fußball regieren, und die Entwicklung, die der Profifußball einschlägt. Dieses Unbehagen richtet hierzulande gegen Funktionäre wie die Herren Rummenigge oder Watzke, wenn es um die Bundesliga geht, vor allem aber gegen die FIFA, und bündelt sich in der Ablehnung einer WM in Katar. Katar ist zum Synonym für alles geworden, was im Fußball falsch läuft: Korruption, Kollaboration mit autokratischen Regimen, Gigantismus, Geld anstelle von Kultur.

Und was sind das eigentlich für Leute, die über die Vergabe der WM nach Katar entschieden haben? Die „11 Freunde“ haben kürzlich diese 22 Männer porträtiert – es ist ein einziges Schmuddelkabinett.  21 von ihnen werden mit Korruption und anderen Vergehen in Verbindung gebracht. Einer von ihnen ist der argentinische Faschist und Antisemit Julio Grondona, bis zu seinem Tod 2014 FIFA-„Vize“. Eine sehr ehrenwerte Gesellschaft…

BB: Somit geht es auch nicht nur um das Austragungsland. Die Vergabe nach Katar war eine logische Entwicklung. Die FIFA liebt Länder, die autokratisch regiert werden und über viel Geld verfügen. Beziehungsweise bereit sind, viel Geld in die Ausrichtung einer WM zu investieren. Eine WM in Katar ist auch kein Entwicklungsprojekt. Ein Entwicklungsprojekt wäre gewesen, das Turnier in ein armes, aber bevölkerungsreiches Land mit Fußballkultur zu vergeben – die Entscheidung fiel jedoch zu Gunsten eines bevölkerungsarmen, aber reichen Landes. Die Entscheidung pro Katar war eine Verneigung vor einem Land, das immer stärker als Finanzier des Weltfußballs in Erscheinung tritt.

DSM: Um zu der Frage zurückzukommen: Wir richten uns an alle, die mit uns der Meinung sind, dass mit der WM in Katar eine rote Linie überschritten wird.

DtP: In eurem Aufruf heißt es, der DFB solle die Arbeit von Menschenrechtsgruppen und Fanorganisationen, die sich kritisch mit Katar auseinandersetzen, finanziell fördern. Nun kennt ihr seit langem den DFB – wie realistisch ist z.B. diese Forderung?

DSM: Es gibt Forderungen, die wirken zunächst einmal unrealistisch. Deshalb müssen sie aber nicht falsch sein. Im konkreten Fall: Ich will das gar nicht ausschließen. Ganz nebenbei könnte sich der DFB damit ein wenig aus der Schusslinie bringen. Wenn es der DFB mit Menschenrechten etc. ernst meint, dann könnte er sagen: Wir kommen aus der Katar-Nummer nicht mehr raus. Wir fahren dort aus sportlichen Gründen hin. Aber wir kompensieren dies dadurch, dass wir die Aufklärungsarbeit von Menschenrechtsgruppen und kritischen Fanorganisationen unterstützen.

DtP: Ist euer Boykott-Aufruf in anderer Hinsicht nicht zu kurz gegriffen? Müsste angesichts der menschengemachten Klimakatastrophe es nicht vielmehr darum gehen, die Fußball-Maschine grundsätzlich LANGSAMER und nicht immer schneller laufen zu lassen, sprich: weniger Turniere, nicht noch mehr, weniger Super-Extra-Sieger-Ligen, statt noch mehr?

BB: Da hast du völlig Recht. Aber da entsprechen sich die Klimaziele mit denen, wie sie viele Fans in Bezug auf den Fußballbetrieb formulieren, wie etwa die Initiativen „Unsere Kurve“ oder „Unser Fußball“: Alles ein bisschen runterdimmen, alles ein bisschen bodenständiger. Nicht noch mehr unsinnige internationale Turniere wie die Nations League oder die Klub-WM. Und was die „traditionelle“ WM angeht: Auch da kann man mit Blick aufs Klimaziel vieles verändern. Die FIFA müsste die Vorgaben lockern, es müsste viel mehr vorhandene Infrastruktur genutzt werden können. Es ist doch Blödsinn, wenn Stadien neu gebaut werden, die hinterher kaum oder gar nicht genutzt werden. Was stimmen muss, ist der öffentliche Nahverkehr, denn das kommt auch nach einem WM-Turnier dem Land zugute.

DtP: Aber Fußballspiele in Stadien heißt auch immer, Fans reisen dorthin – mitunter Hunderte von Kilometern, was nicht gerade klimaneutral ist…

BB: Das ist doch eine Frage des Wie. Und sie richtet sich an die Verkehrspolitik insgesamt. Wie kann man Mobilität möglichst klimaneutral gestalten? Dafür gibt es genügend Konzepte, die konsequenter umgesetzt werden müssen. Und wie du als Stadiongänger wissen wirst: Die Fußballfans sind die Letzten, die den öffentlichen Nahverkehr scheuen. Busse und Straßenbahnen sind nie so überfüllt wie an Spieltagen. Auch Sonderzüge sind denkbar. Es hat übrigens bei der Bahn an Spieltagen schon mal günstige Sondertarife für Fangruppen gegeben. Allerdings ist so etwas manchmal daran gescheitert, dass sich einige Fans nicht zu benehmen wussten. Da passierte dann das Gegenteil, nämlich dass die Bahnbetreiber sich weigerten, Fans mitzunehmen. Manchmal müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen.

DtP: Müssen wir nicht endlich zugeben, dass überhaupt die Art, wie wir leben, und da gehört die Fußball-Maschine dazu, überdreht, überzogen ist, weil sie den Planeten überbeansprucht? Müssen wir nicht zugeben: ja, wir haben uns geirrt, es geht nicht immer so weiter, und es geht schon gar nicht immer so weiter mit IMMER MEHR?

BB: Puh, große Frage. Es gibt da ja zwei Ebenen. Wir müssen auf die Politik einwirken, die notwendigen Schritte – die ja eigentlich bekannt sind – konsequent einzuleiten. Da hat Friday for Future sehr vieles bewegt, aber leider immer noch nicht genug. Und wir müssen unser eigenes Verhalten im Alltag ändern: weniger Fahrten mit dem Auto oder dem Flugzeug, weniger Plastikmüll, weniger Fleisch auf dem Teller, konsequente Nutzung von Ökostrom und so weiter. All das ist machbar, ohne dass die Lebensqualität leiden muss, im Gegenteil.

DSM: Auch Oliver Bierhoff wird irgendwann feststellen, dass es möglich ist, die Nationalmannschaft von Stuttgart nach Basel mit Zug oder Bus zu transportieren, ohne dass die Spieler Schaden an Leib oder Seele erleiden.

DtP: Zurück zu eurem Boykott-Aufruf: Wie war bisher die Reaktion? Wird der Aufruf auch von anderen Fußball-Ländern geteilt?

DSM: Die Resonanz ist bisher ausgesprochen gut. Neben vielen Einzelpersonen haben auch schon wichtige Fangruppen wie die Schalker Fan-Initiative den Aufruf unterstützt. Wir stehen mittlerweile mit einem größeren Kreis von Leuten in einen Gedankenaustausch. Es gibt schon wunderbare Ideen für Aktionen und Veranstaltungen. Was die internationale Vernetzung angeht: Wir wissen, dass es auch in anderen Ländern ähnliche Überlegungen gibt, und wir werden diese Kontakte suchen. Aber momentan steht im Vordergrund, in der deutschen Fanszene etwas in Bewegung zu bringen und den überall vorhandenen Unmut zu bündeln. Erst wenn wir eine richtig gute Basis haben, haben wir auf internationaler Ebene etwas einzubringen.

DtP: Vielen Dank für das Gespräch.


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