Aus dem aktuellen Heft 99


足球

Von Stefan Erhardt

 

Nun hatten im Zuge der langandauernden Corona-Virus-Pandemie und den zunehmenden Rücksichtslosigkeiten, der zumeist juristisch beförderten Einflussnahmen auf Institutionen und Verordnungen, nicht nur der selbsternannten Querdenker, rechtsradikale Gruppen, besonders die sich damals noch „Alternative für Deutschland“ nennende Partei, bereits zur Bundestagswahl 2021 solch großen Zulauf verzeichnet, dass es, auch im Angesicht einer wirtschaftlichen Rezession, die viele in die Armut trieb, weil einfach auch nicht mehr jede singuläre, exotische und brotlose Beschäftigungsphantasie realisiert werden konnte, zu einer Duldung einer Minderheitsregierung der konservativen Parteien CDU/CSU durch eben jene AfD kam, um dann, drei Jahre später, als ein Misstrauensvotum, ironischerweise durch diese Partei angestrengt, die Regierung zu Fall brachte und nach Neuwahlen – mittlerweile war eine mutierte Ebola-Variante aus dem Süden der Hemisphäre über den Norden hergefallen, der trotz einschlägiger Erfahrungen aus der Corona-Zeit kaum beizukommen war, was zu noch höherer Staatsverschuldung, Massenarbeitslosigkeit und weitverbreiteter Depression in jeder Hinsicht geführt hatte – entgegen aller Trendforschung und Wahlprognosen zum ersten Mal seit den 1930er Jahren in Deutschland „Die NeuRechte“, wie sich die Partei nun nannte, an die Schalthebel der Macht brachte.

In den Jahren darauf hatte dies zur Folge, dass nicht nur eine massive Bedrohung und Verfolgung von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund selbst in vierter oder fünfter Generation in Gang gesetzt wurde, möglich gemacht durch ein „Gesetz zur Neuordnung der deutschen Bevölkerung“, was sich unter anderem darin äußerte, dass bei Arbeitsplatzvergabe Menschen mit nachgewiesen deutschen Wurzeln respektive Mitgliedschaft in der Partei „Die NeuRechte“ bevorzugt werden durften, ja mussten, Kredite und staatliche Hilfen nach ebensolchen Kriterien der sogenannten „Neuen Staatstreue“-Verordnung vergeben wurden, NachDeutsche, wie sie nach einiger Zeit offiziell genannt wurden, bei jedem strafrechtlich relevanten Vergehen mit Ausweisung bedroht und letztlich in das Land ihrer Urgroßeltern abgeschoben wurden, oftmals gegen den Protest der Aufnahmeländer, die diese Menschen in Lagern verwahrten, als Staaten- und Rechtelose; sondern dass auch viele sich anschickten, Deutschland zu verlassen, was allerdings nur gegen die Entrichtung eines sehr hohen Geldbetrags und Aufgabe allen Besitztums erlaubt wurde, um sich vorwiegend in Irland, Schottland oder Canada um Asyl zu bewerben, nachdem in Frankreich mit dem neuen „Gouvernement des FrancArabes“ und in England mit einer streng etablierten „Rule of the TrueBrits“, ähnlich den politischen nationalistischen Entwicklungen in anderen europäischen Ländern wie Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Italien, Spanien  oder Belgien, eine Aufnahmestopp für Deutsche erlassen worden war aus Angst vor Überfremdung, so die offizielle Darstellung.

Die im Land blieben verdienten ihr Geld mehr und mehr durch eine auf den ersten Blick seltsam anmutende, dann aber folgerichtige Allianz der Regierung mit China: das „NeuReich der Goldenen Mitte“, wie es sich selbst bezeichnete, hatte seit vielen Jahren vor allem in Afrika und Südamerika Land gekauft, in großem Stil, damit auch sich der Bodenschätze, überhaupt sich aller Ressourcen bemächtigt, die es für seine wirtschaftliche und damit auch politische Expansion benötigte. Hinzu kam der Auf- und Ausbau der neuen Seidenstraße, die nicht mehr nur einen Ast nach Rotterdam, einen nach Venedig, einen nach Katar und einen nach Moskau ausstreckte, sondern die Infrastruktur in eben fast ganz Afrika und Südamerika – Brasilien war als erster sogenannter Handelspartner der chinesischen Staatsführung anheimgefallen, nachdem dort Ebola2.0 verheerende Schäden in Wirtschaft und Bevölkerung angerichtet hatte und der Staat faktisch pleite war – kontrollierte und die dortigen Parlamente gleich mit.

Für Deutschland hatte der chinesische Weltwirtschaftsplan Zug um Zug Knowhow gegen Arbeitsverträge eingetauscht, die mittlerweile zu zwei Dritteln aus Lohnsklavenaufträgen bestanden, einfachste Tätigkeiten, die nicht von Robotern übernommen wurden, weil die Arbeitskraft billiger kam, und zu einem Drittel Pflegekräfte jedweder Art für chinesische Altenheime verdingte, was nur wenige wahrnahmen, da sie mit großen Verständigungsschwierigkeiten zu kämpfen hatten und fernab von ihrer Heimat an den üblichen 24/7/365-Verträgen schlicht verzweifelten. Die deutsche Regierung versuchte zwar, eine politische Achse mit dem Post-Putin-Regime in Russland zu bilden, das allerdings, bis auf eine vage Aussicht auf einen Krieg gegen China, führte zu keinen nennenswerten Ergebnissen. Im Gegenteil: die chinesischen Machthaber infiltrierten fast alle europäischen Länder mit Geld und Überwachungssoftware – die 6G-Technik, die sie als einzige, selbst die sich Jahre zuvor aus den USA abgespaltenen Staaten Neukaliforniens mit ihrer Silicon-Valley-Wirtschaftselite hatten da nicht mehr mitziehen können, ermöglichte ihnen, im Nano-Bereich alles Mögliche (und da war Vieles möglich, vom Verkehrswesen bis hin zu den Nahrungsergänzungsmitteln) mit Spy-Sensoren zu versehen – und kontrollierten nicht nur die ehemals Medien genannten Nachrichtenkanäle und -plattformen, sondern sanktionierten antichinesisches Verhalten jeglicher Provenienz mit der subtilen, aber wirkungsvollen, systematisch über die Vereinnahmung des Bankenwesens dank des Schulden-Eintreibungscoups von 2028 etablierten Kontokontrolle aller Deutschen.

Wie zu erwarten war, sank der Lebensstandard in Deutschland wie auch anderswo in Europa beträchtlich; die Unzufriedenheit der Bevölkerung wurde dadurch gezügelt, dass zum einen ständige „Gesundheitsmaßnahmen“ eine Einschränkung des öffentlichen Lebens bewirkten, zum anderen es nur noch wenige Bereiche der Kultur gab, sprich Künstler, die eine Vorstellung einer Alternative zu den herrschenden Verhältnissen entwerfen konnten, sei es, dass sie von der Regierung mit Verboten überzogen wurden, sei es, dass sie schlicht aus Geldnot aufgegeben hatten.

Einzig der Sport, und da in erster Linie der Fußball, blieb erhalten – die Funktion der Ablenkung und Unterhaltung war sowohl der deutschen als auch der chinesischen Regierung als politisches (und quasi-religiöses, um auch diesen Bereich nicht zu vergessen) Kontrollinstrument einsichtig, sodass, nach Auflösung der westlich-kapitalistischen Vereinsstrukturen und Überführung der Klubs in einen chinesisch kontrollierten Verband, dem „Zentralkomitee International Football Association“ (ZIFA), wie er sich nach Übernahme der FIFA nannte, die mit fliegenden Fahnen die Aufnahme in den chinesischen Machtapparat in kürzester Zeit betrieben hatte, neue Fußballstadien entlang der Neuen Seidenstraßen hochgezogen und mit den Lohnsklavenspielern aus aller Welt – ein an und für sich nicht neues Gebaren, war doch vorher schon seit Jahrzehnten vor allem in Europa so verfahren worden – neue Teams gebildet worden, welche für die dort Wohnenden und Arbeitenden die neben Games und Streaming-Serien oft die einzige Unterhaltung darstellten.

Fußball, oder zúqiú, war dabei eingebunden in weitverzweigte Wett-Strukturen, die teils staatlich, teils von der Unterwelt (die selbst wiederum großenteils staatlich kontrolliert war) gelenkt und geleitet wurden und diese Lenkung und Leitung wie schon in den Jahrzehnten davor nunmehr nur noch wesentlich konzentrierter auf die einzelnen Spiele legten, so dass eigentlich gar kein Spiel im sogenannten „Professional“ ohne Manipulation mehr stattfand.

Den Menschen war es egal, solange die Eintrittspreise niedrig, die Eintrittskarten über ein Sozialbonussystem ihnen zuverlässig zugewiesen wurden und die Bildschirm-Übertragungen bezahlbar blieben. Alle vier Jahre gab es ein Turnier in Katar, bei dem Teams – Männer wie Frauen, auch mixed – aus den Ländern antraten, die sich mit ihrer politischen und wirtschaftlichen Leistung um China verdient gemacht hatten. Die Sieger durften je ein Finalspiel gegen die Auswahl Chinas spielen. Die verlor nur selten.


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