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Das Genre des Hooliganfilms

Wenig Fußball, dafür viel Brutalität, Gangster, Drogen und Sex. Darf der Hooliganfilm als eigenes Genre gelten und wo liegen die Unterschiede zwischen Hooligan- und Ultra-Filmen? Eine Spurensuche zwischen FSK 16 und FSK 18.

Von Paul Schönwetter

 

Definiere „Hooligan“

Der Duden beschreibt einen Hooligan als einen „Randalierer, besonders bei Massenveranstaltungen“. Englisch für „Rowdy“ oder „Rabauke“, sind es oftmals junge Gruppen, firms oder crews im Fußball, die den Nervenkitzel in Schlägereien mit gegnerischen firms oder Polizisten suchen. Diese gewalttätigen Auseinandersetzungen können spontan oder verabredet in der dritten Halbzeit stattfinden. Hooliganism im Fußball hat seinen Ursprung aus England, die Bezeichnung geht auf den irischen Nachnamen O‘Hooligan (irisch Ó hUallacháin, „Nachfahre des Uallachán“, Diminutiv zu uallach „launisch, reizbar, stolz, eitel“) zurück. Einigen Hooligangruppierungen wird zudem die Nähe zu rechtsextremen oder neonazistischen Gruppen nachgesagt, solche politischen Verstrickungen spielen in manchen Hooliganfilmen ebenfalls eine Rolle.

Hooliganfilme bieten in aller Regel wenig Fußballszenen. Durch eine weite Auslegung des Begriffs hooliganism und Erfolgsproduktionen zu dem Thema wie GREEN STREET HOOLIGANS gibt es seit einigen Jahren eine Vielzahl an Filmen – meist aus Großbritannien –, die aber immer seltener ins Deutsche synchronisiert werden und/oder qualitativ abfallen. Aufgrund ihrer gezeigter Brutalität sind die meisten der Filme sowohl in England als auch von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) in Deutschland ab 15 beziehungsweise FSK 16, 18 oder sogar nur zensiert freigegeben.

Fußball ist unwichtig

Die Faszination und Freude eines Fußballfans an gewalttätigen Auseinandersetzungen, ob aus Gründen der Rivalität oder des Adrenalinausstoßes, wird thematisch eindrucksvoll aufgezeigt in I.D. (UNDERCOVER, England 1995) sowie im schlechteren Sequel ID2 – SHADWELL ARMY (England 2016), wo jeweils ein Undercover-Polizist in Hooligankreisen eingeschleust wird und zunehmend Begeisterung als Schläger findet. Zusammenfassend der im Fokus stehenden Gewaltfaszination steht symbolisch das Statement eines Hooligans im Drama THE FIRM von 1988: „Das kann uns keiner verbieten. Und jetzt sage ich Dir mal was, ich sag’s Dir: Wenn sie das beim Fußball verbieten, ich meine, dass man Spaß hat, dann gehen wir zum Boxen. Oder wir gehen zum Darten oder was weiß ich. Es gibt so vieles, was in Frage kommt – oder sehe ich das falsch?“ Die Gewalt, der Reiz an Schlägereien steht im Vordergrund, sodass der Fußball nicht mehr wichtig ist.

Der Unterschied zu Ultras liegt theoretisch darin begründet, dass Hooligans Gewalt kultivieren, die Grenzen – gerade im Film – verschwimmen. Als Ultras werden organisierte, heterogene fanatische Anhänger bezeichnet, von denen Vertreter im Namen ihrer Gruppierung mit dem unterstützten Verein für Choreographien oder Auswärtsfahrten sprechen. Die Anfänge gehen auf italienische Anhänger der 1950er und 1960er Jahre zurück. Ultra-Gruppierungen sind meist politisch engagiert, was die Beteiligung in Nordafrika während des Arabischen Frühlings oder in der Türkei 2013 belegen. Neben dieser Politisierung gibt es mittlerweile die Vorwürfe der zunehmenden Gewalttätigkeit. Beide Personengruppen haben somit Übereinstimmungen, sodass in Folge auch die Filmgenres nicht klar zu trennen und somit hier aufgeführt sind. Festzuhalten ist aber, dass der Fußballbezug der Filme mit Schwerpunkt Ultras – hier meist aus Italien – größer ist. Sowohl Ultras als auch Hooligans haben in ihren Filmen zumindest strenge Hierarchien in ihren Gruppierungen oder firms, ihr Anführer ist ein top dog, ein Thema, das besonders der gleichnamige und gut umgesetzte Hooliganfilm TOP DOG (England 2014) aufgreift. In Verbindung zur Straßenkriminalität spitzt THE GUVNORS (England 2014) den Generationenkonflikt zwischen Hool-Anführer und Gangleader im Kampf um die Vorherrschaft zu.

Neben dem Ultra-Klassiker ULTRA (ULTRA – BLUTIGER SONNTAG, Italien 1990) weiß auch das Netflix-Drama ULTRA (ÜBER DAS ERGEBNIS HINAUS, Italien 2020) zu überzeugen. Ein jeweils spannender Plot um die Anführer der Ultras von AS Rom beziehungsweise SSC Neapel lässt tief in die italienische Fankultur eintauchen. Beide zeigen erst gegen Ende brutale Kampfszenen und legen den Fokus auf die Liebes- und Rivalengeschichte der beiden Hauptcharaktere, wodurch die Handlung tiefsinniger wird. Wohingegen bei ACAB (Italien 2012) die Fußball- und Ultra-Szenen lediglich die Grundlage des Polizisten-Dramas bieten. Der ehemalige bekannte Ultra von AC Mailand Giancarlo „Sandokan“ Lombardi spielt eine der Hauptrolle im Drama L’ULTIMO ULTRA (Italien 2009), der allerdings lediglich in einer Szene mit Andriy Shevchenko zu überzeugen weiß.

Anders sieht es in Südamerika aus, wo die Liebe zum Fußball, zum Verein zwar einen großen Raum einnimmt, Schlägereien unter Fans aber eher selten vorkommen, die Ultra-Gruppierungen (Barra Bravas genannt) gerade in Argentinien gleichzeitig kriminelle Banden darstellen, deren Aktivitäten durch Gewalt als Einschüchterungsmethode durchgedrückt werden. Dies ist auch Thema der eindrucksvollen Netflix-Serie PUERTA 7 (EINE FRAU RÄUMT AUF, Argentinien 2020). Zu erwähnen sei hier das Fußball- und Liebesdrama AZUL Y BLANCO (aka BARRAS BRAVAS, Chile 2004) als Rome-und-Julia-Adaption. Breite Hooliganszenen gibt es zudem in Osteuropa. Der Episodenfilm PROČ? (WARUM?, Tschechien 1987) behandelt die Fan-Rivalität von Sparta-Hooligans, die Komödie NON PLUS ULTRAS (Tschechien 2004) erzählt satirisch von fünf Sparta-Prag-Fans, die englischen Hooligans/Ultras nacheifern. Für eine Kontroverse in Russland sorgte der angeblich auf wahren Begebenheiten beruhende Film OKOLOFUTBOLA (KICKING OFF ANSTOSS ZUR 3. HALBZEIT, Russland 2013), da die Brutalität der unter der Woche als Banker, Musiker, Mechaniker oder Lehrer arbeitenden gut organisierten Hooligangruppierungen in Russland kritisch angesehen wurde. Der serbische Film SISANJE (SKINNING – WIR SIND DAS GESETZ, Serbien 2010) handelt von der Radikalisierung eines serbischen Skinheads, der auch in einer Hooligan-Gruppierung im Fußballmilieu agiert. Zwei europäische Kurzfilme, die trotz ihres dokumentarischen Gehalts Fiktionales bieten: PADRES HOOLIGANS (Spanien 2016), wenn Eltern bei einem Jugendspiel durchdrehen sowie I LOVE HOOLIGANS (Niederlande 2013), wenn ein Hooligan sich in dieser animierten Doku als homosexuell outet und damit sämtliche Vorurteile des Hooliganbildes und Genres dekonstruiert.

Eine US-Produktion setzt Maßstäbe

Wird Hooliganismus im ursprünglichen Sinne des Kampfes verschiedener firms der Klubs mit England in Verbindung gebracht, setzt die Hollywood-Produktion GREEN STREET HOOLIGANS (HOOLIGANS, USA/England 2005) Maßstäbe für den Hooliganfilm. Matt (Elijah Wood) reist nach London und wird dort vom Bruder seines Schwagers in die Welt der Green Street Elite eingeführt, einer firm vom West Ham United FC. Begeistert von der Gewalt und Verbundenheit untereinander beim hooliganism taucht er immer tiefer in den Strudel der Brutalität ab. Die beiden narrativ voneinander unabhängigen Fortsetzungen mit jeweils neuen Besetzungen drängen die Rolle des Fußballs allerdings in den Hintergrund: GREEN STREET 2: STAND YOUR GROUND (HOOLIGAN 2 – STAND YOUR GROUND, England 2009) spielt im Gefängnis, bei GREEN STREET 3: NEVER BACK DOWN (HOOLIGAN 3 – STAND YOUR GROUND, England 2013) geht es um Kampfsport-Auseinandersetzungen zwischen Fußball-Anhängern. Während im zweiten Teil noch zwei Charaktere aus dem Original mitspielen, ist der Cast bei Teil drei komplett neu besetzt. Beide Filme kamen nicht in die Kinos.

Dabei stehen die englischen Klassiker des Hooliganfilms der US-Produktion nirgends nach: THE FIRM (England 1988) mit Gary Oldman in der Hauptrolle versucht mit dem Vorurteil aufzuräumen, nur junge mittellose Männer seien Hooligans. Der Konflikt zwischen brutalen und teils tödlichen Schlägereien für den Fußball mit rivalisierenden Fans und dem normalen, gesitteten Arbeits- und Familienleben wird hervorragend aufgegriffen und diente als Vorlage für die ebenfalls gelungene Neuverfilmung THE FIRM (THE FIRM – 3. HALBZEIT, England 2009). Bei ARRIVIDERCI MILLWALL (England 1990), wo sich junge Hooligans auf den Weg zur WM 1982 nach Spanien machen, geht es weitaus politischer zu, wenn der Falkland-Krieg die Gewalt und den Hass anheizt. THE FOOTBALL FACTORY (England, 2004) beschreibt die Faszination einer Chelsea-firm für Gewalt und Prügeleien am Wochenende beim Fußball. Auch wenn die Sportart einen großen Teil der Handlung einnimmt, spielt Drogenhandel ebenfalls eine gewichtige Rolle.

CASS (CASS – LEGEND OF A HOOLIGAN, England 2008) erzählt die Geschichte des berüchtigten schwarzen Hooligans Cass Pennant, der in den 1980er Jahren als Fan von West Ham United zum Anführer der berüchtigten Inter City Firm aufsteigt und nach einigen Gewalteskalationen, einem Gefängnis- und Krankenhausaufenthalt ein bürgerliches Leben beginnt. Cass Pennants Biographie sowie seine Memoiren dienen vielen Hooliganfilmen als Vorlage oder Inspiration. Er wirkt zudem in diversen Gangsterfilmen mit oder war beratend beziehungsweise als Co-Produzent für CASS, GREEN STREET HOOLIGANS, THE GUVNORS sowie mit einem Gastauftritt in CASS und THE HOOLIGAN FACTORY tätig. Eine Episode der Serie LIFE IN MARS – GEFANGEN IN DEN 70ERN (England 2006) spielt ebenfalls im Hooliganmilieu.

Essex Boys – Motiv als Grundlage der meisten Filme

Am 7. Dezember 1995 wurden drei Männer in einem Range Rover auf einem abgelegenen Feldweg in Rettendon brutal mit Schrotflinten hingerichtet. Diese „Rettendon Triple Murders“ oder „Essex Range Rover Murders“ beschäftigten die britische Justiz lange Zeit. Die drei Opfer – Tony Tucker, Craig Rolfe und Pat Tate – stammten aus dem Drogenmilieu sowie der Clubszene von Essex, waren als „Essex Boys“ bekannt. Der ehemalige Hooligan und Freund der drei toten Gangster, Charlton Leach, der als Leiter eine Security-Firma die drei kennenlernte, schrieb das Buch „The Rise of the Footsoldier“, Vorlage des gleichnamigen Films. Die Geschichte der „Essex Boys“ oder Motive davon sind Inhalt zahlreicher Filme, von denen fast alle einen Hooliganbezug haben.

Den Anfang machte ESSEX BOYS (GANGSTERS – THE ESSEX BOYS aka HOOLIGAN VIOLENCE aka THE HOOLIGAN GANGSTERS – ESSEX BOYS, England 2000), bevor die bekannteste „Essex Boys“-Reihe sieben Jahre später mit RISE OF THE FOOTSOLDIER (FOOTSOLDIER – HOOLIGAN, GANGSTER, LEGENDE, England 2007) begann, die mittlerweile drei Fortsetzungen hat, deren vierte im Frühjahr gezeigt werden soll und deren erste drei Teile auf Deutsch synchronisiert wurden. Die filmische Biographie von Carlton Leach als Hooligan und späterem Gangster brilliert durch die schonungslos gezeigte Brutalität und brachiale Wucht an Gewaltorgien. Die Langversion von 130 Minuten ist nur in Österreich erschienen, bereits die ungeschnittene Fassung auf dem deutschen Markt von 114 Minuten ist indiziert. Die offizielle Fortsetzung RISE OF THE FOOTSOLDIER PART II (RETURN OF THE FOOTSOLDIER, England 2015) erzählt die Geschichte von Leach nach dem Dreifachmord. RISE OF THE FOOTSOLDIER 3 – THE PAT TATE STORY (England 2017), schaffte es hierzulande ebenfalls nur geschnitten als Video bei diversen Streamingdiensten. Es ist ein Prequel, das den Fokus auf den Gangster Pat Tate legt, während seine Fortsetzung in RISE OF THE FOOTSOLDIER 4: MARBELLA (England 2019) davon handelt, dass die „Essex Boys“ Drogen in Marbella für ihre Clubs besorgen müssen.

BONDED BY BLOOD (FOOTSOLDIER 2 – BONDED BY BLOOD, England 2010) fokussiert sich auf die drei späteren Opfer und lässt aufgrund seines deutschen Titels fälschlicherweise vermuten, es sei die Fortsetzung von FOOTSOLDIER. Die teilweise selben Schauspieler in denselben Rollen tun ihr Übriges. Der nicht synchronisierte Film BONDED BY BLOOD 2 – ESSEX BOYS – THE NEW GENERATION (England 2017) entfernt sich vom hooliganism und behandelt den Streit um die Nachfolge der ermordeten „Essex Boys“ in der Unterwelt. Auch der schlecht gemachte ESSEX BOYS: LAW OF SURVIVAL (England 2015) behandelt den neuen Bandenkrieg, 20 Jahre nach dem Dreifachmord; Carlton Leach gibt eine Einführung in den Film. ESSEX BOYS: RETRIBUTION (ESSEX BOYS: VERGELTUNG, England 2013) spielt auf dieselben Geschehnisse 20 Jahre später an und handelt von einer neuen Generation von Gangstern. Unter dem Arbeitstitel THE HIT (England) ist ein weiterer Film geplant, der sich um die Thematik dreht. THE FALL OF THE ESSEX BOYS (THE HOOLIGAN MURDERS, England 2013) handelt zwar ebenso von den „Essex Boys“, betrachtet die Geschichte aber aus Sicht eines Undercover-Ermittlers, der sich in die Szene einschleicht und kombiniert mit vielen Hooliganszenen I.D. sowie FOOTSOLDIER.

Typische Genre-Schauspieler

Zahlreiche Schauspieler sind prädestiniert dafür, in Hooligan-Filmen Rollen zu übernehmen, sodass die Unterscheidung bei zudem ähnlicher Handlung kaum auszumachen und verwirrend ist. Tamer Hassan, Terry Stone, Crag Fairbass, Danny Dyer, Frank Harper, Leo Gregory oder Vincent Regan stehen beispielhaft für eine Riege an Schauspielern, die immer wieder in Hooliganfilmen mitwirken. ST GEORGE‘S DAY (FOOTSOLDIERS OF BERLIN – IHR WORT IST GESETZ, England 2012) vereint zahlreiche der genannten Darsteller, kombiniert hooliganism mit Gangsterthriller und verlegt die Handlung nach Berlin. Aufgrund seines starken Fußball-/Hooliganbezuges ist dieser Hooliganfilm auch als Fußballfilm zu bezeichnen. Fast verwunderlich in diesem Zusammenhang, dass der ehemalige Fußballer Vinnie Jones, der hauptsächlich als Bösewicht in Filmen mitspielt, nicht auch in Hooligan-Filmen mitwirkt – wenn man von seinem Auftritt als Manchester-United-Hool, der Bierflaschen mit den Augen öffnet, in der Teenie-Komödie EUROTRIP (USA 2004) absieht. Das soll sich nun aber ändern, da er die Rolle von Bernard O’Mahoney im fünften Teil THE FOOTSOLDIER ORIGINS: THE TONY TUCKER STORY (England 2021) übernimmt, der im Frühjahr 2021 erscheinen soll. Regisseur ist Nick Nevern.

Als Schauspieler verkörpert jener Nick Nevern die Hauptfigur diverser Hooligan-Filme: Angefangen mit THE RISE AND FALL OF A WHITE COLLAR HOOLGIAN (England 2012), WHITE COLLAR HOOLIGAN 2: ENGLAND AWAY (England 2013) und WHITE COLLAR HOOLIGAN 3 (England 2014), die von der Geschichte des Hooligans Mike Jacobs erzählen, der durch seinen Freund Eddie Hill (Simon Philipps) ins Gangstermilieu gezogen wird. Im zweiten Teil lebt Mike im Zeugenschutzprogramm in Spanien, rekrutiert aber seine alte firm, um seine entführte Freundin Katie zu befreien. Deutlich unabhängiger ist der dritte Teil, der während der WM 2014 in Brasilien im Wettmafia-Milieu angesiedelt ist. Der deutsche Titel bei THE HOOLIGAN WARS (THE HOOLIGAN WARS – EINER GEGEN DIE ULTRAS, England 2012) mit Nevern als Ex-Fußballer, der als Eiswagenverkäufer gezwungen wird, auch Drogen zu verkaufen, bietet ein Paradoxon: Er vermischt beziehungsweise benutzt den Begriff von Hooligan und Ultra synonym, handelt aber eher von Gang-Kriminalität und nur am Rande von hooliganism. Neverns Rolle als verdeckter Ermittler im oben erwähnten THE FALL OF THE ESSEX BOYS wiederholt er unter umgekehrten Vorzeichen im äußerst brutalen RIOT (LONDON PITBULLS, England 2017) als Sonderermittler mit Hooligan-Vergangenheit, der bei Ausschreitungen in England mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Eine gelungene Parodie mit Nevern in der Hauptrolle ist THE HOOLIGAN FACTORY (THE HOOLIGAN FACTORY OHNE HIRN UND TADEL, England 2014) mit zahlreichen Anspielungen unter anderem auf THE FIRM, THE FOOTBALL FACTORY, RISE OF THE FOOTSOLDIER, I.D., GREEN STREET oder CASS. Erwähnt werden sollte die Zombie-Splatter-Parodie ZOMBIES VS. COCKNEYS (England 2012), wo in einer Szene Hooligan-Zombies zweier Vereine die lebenden Rentner nicht beachten und in Zeitlupe gegeneinander kämpfen. Ebenfalls ironisch betrachtet werden Hooliganschlägereien in der niveaulosen niederländischen Komödie NEW KIDS NITRO (Niederlande 2011). Reale Hooliganschlägereien werden mittlerweile ebenfalls als Filmmotiv verwendet. HOOLIGAN ESCAPE – THE RUSSIAN JOB (England 2018) spielt auf die brutalen Auseinandersetzungen englischer und russischer Hooligans während der EM 2016 an und spinnt daraus einen fiktiven Rachefeldzug einiger englischer Hools bei der WM 2018 in Russland, wandelt die Handlung anschließend aber abseits des Turniers, der Stadien sowie des hooliganism zu einem Fluchtthriller um.

Deutsche Produktionen mit mehr Fußballbezug

Hooliganfilme aus Deutschland zeichnen sich dadurch aus, dass die Fanliebe beziehungsweise ein oder zwei Vereine im Vordergrund stehen und dadurch der Fußballbezug größer ist. Alle nachfolgenden Beispiele können als gut gelungene Fußballfilme bezeichnet werden. Für das Genre Hooliganfilm sind sie dadurch beinahe nicht die richtige Einordnung: SCHICKSALSSPIEL (1993) als Romeo-und-Julia-Adaption zwischen Sankt Pauli und Hansa Rostock sowie die PFEFFERKÖRNER-Episode HOOLIGANS (2001) stellen hooliganism mit Rechtsradikalität im Fußball gleich und auch GEGENGERADE – NIEMAND SIEGT AM MILLERNTOR (2011) behandelt wie der Kurzfilm TRIKOTTAUSCH (2009) politische Auseinandersetzungen im Fanmillieu beziehungsweise die Fanfeindschaft (zwischen St. Pauli und dem HSV). Am ehesten Hooliganfilmen zuzuordnen ist 66/67 – FAIRPLAY WAR GESTERN (2009). Hier spielt das Ritual der dritten Halbzeit einer Clique von Eintracht-Braunschweig-Anhängern eine große Rolle, die Gewalt schaukelt sich auch deshalb hoch, weil der Verein abstiegsbedroht ist, ein Zusammenhang zwischen Frust wegen sportlicher Negativergebnisse und Gewalt wird hergestellt. HEIMSPIEL (2009) spielt mit der Diskrepanz zwischen dem Gewalthobby als Hool und dem bürgerlichen Beruf als Lehrer von Andreas Vossen (Wotan Wilke Möhring), der bei einer Schlägerei auf einen seiner Schüler trifft. Die deutsche Netflix-Serie SKYLINES (2019) spielt zwar in der Rap-Szene, erzählt aber auch von einer fiktiven Frankfurter Hooliganszene – beim derzeitigen Regionalligisten FSV Frankfurt.

Schwierige Definition, aber Marktüberflutung

Die historisch vielseitig benutzbare und nicht dem Fußball exklusiv vorenthaltene Definition von Hooligan ist Grundlage des Problems einer Marktüberflutung und Vermischung des Hooliganfilm-Genres mit den Genres Gangsterfilm, Thriller oder Drama. Selbst PAYBACK SEASON (England 2012) setzt den Begriff Hooligan mit Gangkriminalität gleich, wenn ein Fußballstar von seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt wird. Auch hier spielen einige Hooliganfilm-erprobte Schauspieler mit, allen voran Leo Gregory, der als Physiotherapeut das Fußballtraining leitet. Das Drama AWAYDAYS (England 2009) fokussiert sich auf die Gewalt und den Herdentrieb, bei einer coolen Gang dazugehören zu wollen, deren Hooligan-Tätigkeiten indes keine allzu bedeutende Rolle spielen.

HOOLIGAN LEGACY (England 2016) erzählt von einem brutalen Rachefeldzug des verratenen Hool-Anführers eines Überfalls vor zehn Jahren, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Auch dies ist eher ein Thriller mit Fußballbezug. Einige Filme sind mit derart geringen Mitteln und derart schlecht produziert, dass man trotz DVD-Auswertung kaum von einer professionellen Filmproduktion sprechen kann: HOOLIGANS AT WAR – NORTH VS. SOUTH (England 2015), I AM HOOLIGAN (England 2016) oder der zudem schlecht synchronisierte Streifen RED ARMY HOOLIGANS (England 2018). Letzter behandelt die Geschichte eines Ex-Hooligans, der nach einem verlorenen Fight Gedächtnislücken aufweist. Filme, die es auch inhaltlich mit ihrer langweiligen Handlung, schlechten Kampfszenen, schlechten Dialogen und nicht-stringenter oder unlogischer Storyline nicht verdienen, zu Ende geschaut zu werden.

Die Filmindustrie benutzt den Begriff Hooligan inflationär. Sie bewirbt im Genre des Gangsterthrillers damit einige Filme allenfalls mit Fußballrandalen am Rande wie LIVERPOOL GANGSTER (England 2000), OUTLAW (OUTLAW – GENUG GEREDET – HANDELN!, England 2007), PURA VIDA IBIZA (Deutschland 2004), KMPD – KRASS MANN POLICE DEPARTMENT (Deutschland 2007), KONTROLL (KONTROLL – JEDER MUSS ZAHLEN, Ungarn 2003), 16 YEARS OF ALCOHOL (England 2003), SHANK (England 2010) oder KAHLSCHLAG (Deutschland 1993). Andere Filme haben gar nichts mit Fußball zu tun, allenfalls den Begriff Hooligan im Titel oder Fußball-Hooligans auf dem Cover oder die Begriffe werden in der Inhaltsbeschreibung synonym für Gangster verwendet: UNDERCOVER HOOLIGAN (England 2016), WHILE SHE WAS OUT (STILLE NACHT, MÖRDERISCHE NACHT, USA/Kanada/Deutschland 2009), KLAPPE COWBOY! (Deutschland 2012), METALLICA THROUGH THE NEVER (USA 2013), DIE GLATZKOPFBANDE (DDR 1963), CLUBBED (THE HOOLIGAN CLUB – FEAR AND FIGHT, England 2008), NEDS (GANGS OF GLASGOW, England 2010) oder MOB HANDED (England, 2016). Ein Extrembeispiel ist zudem DANGEROUS MIND OF A HOOLIGAN (THIS IS A ROBBERY, England 2014), dessen englisches Cover einen Hooligan-Schläger ziert. Einziger Fußball-Bezug dieses Gangster-Thrillers ist die kurze Rückblende eines der Verbrecher, der davon erzählt, als Fußball-Hooligan bei einem Straßenkampf einen Gegner unabsichtlich umgebracht zu haben. Die Qualität einiger Werke lässt sich daran ablesen, dass derselbe Film unter einem Alternativtitel mit anderen Covern auf den Markt kommt und oft nur für den Heimmarkt produziert wird.

Das Genre des Hooliganfilms ist oftmals näher dem Gangsterthriller oder -drama denn dem Fußballfilm, es sei denn, es handelt sich um Filme, die eher von Ultras denn Hools handeln oder dem Klassiker des Hooliganfilms zuzuordnen sind. Ein extra Sub-Genre ergibt in diesem Zusammenhang keinen Sinn, vielmehr sollte von Hooligan-/Ultrafilmen als Sub-Genre des Fußballfilms die Rede sein.

 

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