Aus Heft 62

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„Der feine Unterschied“ – theologisch betrachtet

Keine Rezension


Man gave name to all the animals…“

(Bob Dylan)


Von Johannes John

 

 

Was Philipp Lahm mit Charlotte Roche verbindet und beide mit Herta Müller zu tun haben? Erklär ich vielleicht ein ander Mal. Und werd das Buch hier auch nicht (doppel)besprechen, da soll Claus (S. XX) den Vortritt haben.

Normalerweise bin ich ja, obwohl der Kulturtechnik des rapid reading (gibt’s den Begriff schon?) durchaus fähig, ein sehr langsamer Leser, weil ich eigentlich jeden Satz verstehen will. Das Rezensionsexemplar, das mir Stefan rüberschob, hatte ich dann doch in einer halben Nacht durch und fand bestätigt, was ich erwartet hatte, keiner geht ja unvoreingenommen an eine Lektüre: alles brav, unspektakulär, vorhersehbar und dabei nicht unsympathisch – wie der Verfasser auch.

Weshalb ihm auch – zumal der Text durchgängig auf die in seine mündlichen Rede epidemisch eingestreuten „ehm“-Füllsel verzichtet – sein einzig wirklicher Fauxpas nachgesehen sei: Mochte das Klinsmann’sche Schwäbisch noch „im Kern amerikanisch gefärbt“ (S. 53) gewesen sein (obwohl’s grad andersrum mehr Sinn machte) – das Schwarzwald-Idiom des Südbadeners Jogi Löw jedoch als „schwäbischen Singsang“ (S. 166) zu deklarieren, tut auch einem Mittelbadener in der Seele weh. Man kann sich das „schlangenhafte Zischen“ (vgl. TP 58, S. 60) unseres Bundestrainers angesichts dieses Fehlgriffs lebhaft vorstellen, und auch seinen Kommentar: „Ja, da hemma uns au g’wundert!“ Wobei sich der zu Unrecht zurechtgerüffelte Käp’ten in den Abbitten seiner öffentlichen Canossagänge, wozu Stefan schon das Richtige angemerkt hat, pikanterweise dafür nie entschuldigt hat…

Was das alles mit Theologie zu tun hat? Gemach, gemach: So lasset es mich mit einem Gleichnis erklären!

Es muss in der Mittelstufe des Gymnasiums (gibt’s sowas eigentlich noch?) gewesen sein, zwei Klassen unter uns eine blonde langhaarige Schönheit (das stimmt, auch wenn ich mich längst nicht mehr en détail an ihr Gesicht erinnern kann), die natürlich auch mir gefiel. Vor allem aber meinem Klassenkameraden Ernst-Dieter aus Kuppenheim. Der dann auch alles daran setzte, ihren Namen zu erfahren. Was ihm mein Freund (und treuer Abonnent) Thomas – er sei gegrüßt! – seinerzeit abnahm: Monika Pell, so das Resultat seiner Recherche, hieß das engelgleiche Wesen und Ernschtl war’s zufrieden. Davon stimmte – wie wir wenig später erfahren sollten – freilich kein Wort, hieß das Objekt der Begierde doch ,in Wahrheit‘ Petra, der Nachname (den ich immerhin nicht vergessen habe) tut hier nichts zur Sache. Immerhin hatte die arme Seele damit Ruh.

Womit wir biblischen Boden betreten hätten. Denn natürlich kamen weder Ernst, noch Thomas oder ich dem durch diese Nomenklatur nun eindeutig identifizierten Geschöpf damit nur um einen Zentimeter näher, es blieb – Ernst-Dieter möge mich beim 40jährigen Abi-Jubiläum ggfs. korrigieren – wohl ein adoleszenter Schwarm: die Tatsache aber, dass das raffinierte Tier durch das Thomas’sche Raffinement nunmehr immerhin einen Namen hatte, sedierte auf seltsame Weise: Näheres bitte ich unter Genesis (1 Mose, 1–25) nachzulesen. Wobei derlei In-die-Welt-treten mittels Benamsung keinesfalls nur für Walfische, Vögel, Adam, Eva oder andere scharfe Bräute gilt – und ,beileibe‘ auch kein pubertäres Privileg oder Relikt ist: bis heute zermartere ich mir periodisch mein Gehirn und gebe nicht eher Ruhe, bis mir etwa der Name eines Schauspielers – gut, zugegeben: einer Schauspielerin eingefallen ist; wo es doch völlig ausreichen würde, deren klar konturiertes, ,unverwechselbares‘ Antlitz vor meinem inneren Auge paradieren zu lassen…

Was das alles mit Philipp Lahms Enthüllungsschocker zu tun hat? Nun, alles was dort über die Übungsleiter Völler, Klinsmann und van Gaal zu lesen ist bzw. vorab ins BILD kam, war keinem von uns auch nur in irgendeiner Nuance neu, sondern seit Jahren in diversen Zeitungen und Journalen längst (und unwidersprochen) kolportiert worden – freilich von journalistischer Seite. Bemerkenswert jedoch, wie durch die Lahm’sche Reprise, die Bestätigung des längst gesagten durch einen Akteur, diese alten Geschichten nun nicht nur einen anderen Grad an Authentizität zu gewinnen, sondern vielmehr recht eigentlich erst beglaubigt zu werden schienen. Der verbale Ritterschlag, wenn man so will.

Auch das ist nicht neu, noch weniger sensationell, sondern die Basis jeden Liebesgestammels, sei’s im Roman, im Film oder im richtigen Leben, welches – a new skin for the old ceremony – nur verbalisiert, was eine body language zuvor oder flankierend längst (und zumeist viel präziser und besser) ausgesprochen hatte. Wen man buchstäblich auf die eigene Haut rücken lässt, muss man eigentlich nicht mehr eigens versichern, dass man sie bzw. ihn recht gut leiden kann. Die reine Redundanz – und doch, wie es scheint, unabdingbar. Von hier aus führt natürlich ein direkter Weg zu den Confessionen der katholischen Liturgie, die allsonntäglich stets aufs Neue bekräftigen, was doch schon längst ein für allemal gesagt und beschworen wurde, wie ebenso zu all den Gedenksendungen zu Nine-Eleven, die jüngst zum Zehnjährigen in einer Endlosschleife all die Bilder repetierten und perpetuierten, die doch in sämtlichen möglichen Einzelheiten in unser aller Köpfe eingebrannt sind und keinerlei Wiederholung mehr bedürften.

Statt sich also reumütig nach allen Seiten hin zu entschuldigen, lieber Philipp Lahm, wäre es sinnvoller, zielführender und allemal gescheiter gewesen, den theologischen Kern dieses Viel Lärm um recht wenig zu säkularisieren, meinetwegen auch zu profanieren. Daraus hätten wir alle etwas gelernt: möglicherweise.


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