BRÄNDLES BALLBERICHT


 

Die Schweiz hat doch einen Weltmeister (wenigstens fast)

Zum Gedenken an Peter Bonetti (1941-2020)

 

Von Fabian Brändle

 

Natürlich wurmt es uns Schweizerinnen und Schweizer, dass wir niemals Fussballweltmeister geworden sind. Wir waren trotz dreier Viertelfinalqualifikationen auch niemals wirklich nahe dran. Also schauen wir uns um, suchen nach Ersatzlösungen. Eine davon ist sicherlich Peter Philipp Bonetti (1941-2020), der kürzlich verstorbene Torhüter Chelseas und Weltmeister von 1966, als Backup von Gordon Banks, denn: Peter Bonettis Eltern führten einerseits ein Kaffeehaus in London. Sie waren andererseits aus dem Tessin nach England ausgewandert. Bonetti ist also halber Schweizer. Eben doch.

Peter Bonetti war ein reflexstarker Goalie („The Cat“) und konnte auch sehr gut auswerfen. Seine erste Station waren die Junioren von Reading, ehe er nach London zu Chelsea transferiert wurde. Die „Boys in Blue“ von der Stamford Bridge waren damals noch keine Millionentruppe, unterstützt von einem russischen Oligarchen. Sie waren vielmehr der Club der Künstlerinnen und Künstler Londons.

Peter Bonetti erlebte Hochs und Tiefs mit seinem Verein, einen Abstieg, den Wiederaufstieg im Duell gegen Sunderland. Dann ging es an der Seite anderer vielversprechender Talente wie Terry Venables aufwärts. Es folgten gute Resultate in Liga, FA-Cup und Uefa-Cup. Der Nationaltrainer wurde somit auf Peter Bonetti aufmerksam und berief diesen in den Nationalkader. Am noch besseren Gordon Banks war allerdings kein Vorbeikommen. Als Ersatzgoalie wurde Peter Bonetti im Jahre 1966 trotzdem Weltmeister, freilich ohne eine Sekunde gespielt zu haben. Die Medaille dafür erhielt er erst sehr viel später.

Berühmt wurde Peter Bonetti an der WM 1970 in Mexiko. Nachdem Rivale Gordon Banks an „Montezumas Rache“ erkrankt war, kam der Londoner im Viertelfinale gegen Deutschland zum Einsatz. England führte 2-0, dominierte das Spiel. Doch dann wollte der Coach seinen Besten Bobby Charlton schonen, und die kämpferischen Deutschen kamen auf, schossen noch drei Tore, hatten ihre Revanche für Wembley 1966 und waren für das „Jahrhundertspiel“ gegen Italien qualifiziert. Deutsche Sportfreunde kennen das Tor mit dem Hinterkopf von Uwe Seeler. Peter Bonetti hechtete zwar, war aber doch auch sichtlich überrascht. Dieses skurrile Gegentor wurde ihm in England angekreidet.

Peter Bonetti bestritt insgesamt sechs Länderspiele für England. Er spielte auch in St. Louis (USA) und für Dundee United (Schottland). Nach seiner Karriere arbeitete der sympathische, bodenständige Mann als Postbote auf den Hebriden.

Nach langer Krankheit verstarb Peter Bonetti, der „halbe“ Tessiner, im Jahre 2020.

 


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