BRÄNDLES BALLBERICHT


 

Klein an Wuchs, gross an Wirkung

Wie kleine Fussballer früher Spiele entschieden haben

 

Von Fabian Brändle

 

Fussball ist von seiner Idee her ein eher demokratisch konzipierter Sport. Im Gegensatz zum Tennis, zum Skilaufen oder zum Eishockey kostet eine vollständige, professionelle Ausrüstung eher wenig. Klar, ein Paar Nockenlederschuhe geht ins Geld, auch war früher in den Grossstädten eine genügend grosse Grünfläche ein seltenes Gut. Doch kickt man zur Not auch barfuss oder mit Turnschuhen auf einem Hinterhof.

Fussball ist ein technisches Spiel sowie ein Laufspiel, das schnelle, konditionsstarkeTypen eindeutig bevorzugt. Doch auch für Lauffaule war früher ein Platz im zentralen Mittelfeld, im Tor oder im Sturmzentrum gegeben. Wer gross war, köpfte, wer klein war, dribbelte. Im modernen Fussball haben die Athleten vom Schlage eines Paul Pogba das Kommando übernommen. Das war nicht immer so. Ich mag mich als Fünfzigjähriger noch gut an einige ganz kleine Kicker erinnern, die viel Wirkung entfalteten. Die Liste ist eher kurz und alles andere als vollständig.

Sogar Torhüter waren früher nicht alle wie der Belgier Courtois oder Edwin Van der Sar gebaut und gegen zwei Meter gross. Solche Hünen brauchen eben ihre Zeit, bis sie am Boden sind und einen Ball rausfischen können. Wer erinnert sich nicht gerne an das bunte Tenue des Mexikaners Jorge Campos (168cm), der auf der Linie reflexstark abwehrte und vorn so manchen Freistoss genial versenkte? Jorge Campos spielte vielmals für Mexiko sowie für diverse mexikanische Vereine wie UNAM Pumas, CD Cruz Azul oder für den Puebla FC. Er wirkte aber auch in den Vereinigten Staaten in der Major League Soccer. Jorge Campos machte seine geringe Körpergrösse mit sagenhaften Hechtsprüngen wett, er war beliebt, jedoch auch immer gut für einen folgenschweren Lapsus.

Für einen Innenverteidiger sehr kleingewachsen war der im Jahre 1952 geborene Berner Jakob „Köbi“ Brechbühl (ca. 165cm), der für die Young Boys Bern verteidigte, mit den Bernern im Jahre 1977 den Pokal holte und immerhin zwanzig Länderspiele für die Schweiz bestritt. Ähnlich wie der Mönchengladbacher Berti Vogts war auch Brechbühl ein kampfstarker, bissiger kleiner Terrier, der seinem Gegenspieler die Lust am Dribbeln mit Aufsässigkeit nahm. „Köbi“ Brechbühl war zudem gefürchtet für seinen kräftigen Schuss aus grosser Distanz.

Deutsche Sportfreunde, welche früher die Zweite Bundesliga verfolgt haben, mögen sich mit Sicherheit gerne an den im Jahre 1967 geborenen Finnen Marko Myyri (161 cm) erinnern, der lange Jahre beim SV Meppen im Emsland gespielt hat, wirblig, kampfstark, schnell, dribbelnd, und für einen Mittelfeldspieler durchaus torgefährlich. Mit ihm hielten sich die Meppener jahrelang in der zweiten Klasse, Myyri war eine Meppener Symbolfigur. Der sympathische Finne hat auch erfolgreich in Lokeren (Belgien) gespielt und streifte sich das Trikot der finnischen Nationalmannschaft 59-mal über. Im Jahre 1991 wurde er sogar zu Finnlands Fussballer des Jahres gewählt und löste damit den legendären, ebenfalls eher kleinen Jari Litmanen (Ajax Amsterdam) ab.

Der spektakulärste kleine Spieler ist in meiner Erinnerung der Portugiese Rui Barros. Die Portugiesen sind im Durchschnitt ein eher kleingewachsenes Volk im Gegensatz zu Polen, Slowaken oder Holländern. Sie haben oft Mühe, Kopfballduelle zu gewinnen und kassierten früher viele entscheidende Gegentreffer nach ruhenden Bällen. Zwar war ihr bester aller Zeiten, der angolastämmige Eusebio, ein Hüne, doch im Angriff und im Mittelfeld tummelten sich relativ viele grazile filigrane, kleine Spieler wie Joao Vieria Pinto oder Chalana.

Der im Jahre 1965 geborene Rui Gil Soares de Barros (159cm), kurz Rui Barros gerufen, war ein technisch äusserst begabter, dribbelstarker und schneller offensiver Mittelfeldspieler, mit dem Schwerpunkt weit unten und mit kurzer „Übersetzung“, so dass seine Dribblings schwer auszurechnen waren. Er spielte für Varzim und Porto in Portugal, Juventus Turin, AS Monaco, Olympique Marseille und nochmals für den FC Porto. Manchmal, nicht gar so häufig, erzielte er auch Tore. Rui Barros war eher der Vorbereiter denn der Realisator. Für Portugal erzielte er in 36 Länderspielen immerhin vier Tore, mit dem FC Porto holte er so manchen nationalen wie internationalen Titel.

Wenn man von den ganz kleinen Fussballern redet, sollte man auch ganz kurz die langen Lulatsche erwähnen, die wohl besser Basketballer oder Volleyballer geworden wären, die Zweimetermänner, die im Abwehr- und im Sturmzentrum jede Flanke zu erreichen versuchten. Sie waren oft eckig in ihren Bewegungen, staksig, aber sie waren die Herren der Lüfte. Ich erwähne an dieser Stelle nur drei solche Hünen, den Tschechen in Dortmunder Diensten, den recht agilen Jan Koller, den manchmal etwas unglücklichen, technisch schwachen Engländer Peter Crouch, schliesslich den sympathischen Rostocker Olaf Bodden, der seine Karriere einer heimtückischen Krankheit wegen relativ früh aufgeben musste. Oder an Karsten Bäron, !Air Bäron“, wie ihn seine Hamburger Fans auch nannten.

Die Zeit der ganz kleinen Fussballer scheint, wie bereits gesagt, abgelaufen zu sein. Oder dribbelt da irgendwo schon wieder ein Kleingewachsener, ein zweiter Rui Baros, und lehrt die Grossen, die Athleten und Muskelpakete, das Fürchten?

 

 


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