BRÄNDLES BALLBERICHT


 

„Din Brueder chann nid boxe… „

 

Ein Rencontre vor einer Stadionkneipe, ca. 1998

 

Fabian Brändle

 

Zu den vielen Vorzügen des alten, mittlerweile abgerissenen Letzigrundstadions in Zürich gehörte das Vorhandensein einer Stadionkneipe oder „Stadionbeiz“, wie wir Schweizer sagen. Dort konnte der durstige Fussballfan nach dem Spiel sein Hürlimann-Bier trinken, die Partie mit Freunden Revue passieren lassen, den restlichen Spieltag am Fernsehen verfolgen und, vor allem, er konnte warten, bis die frischgeduschten Spieler auftauchten und diese loben oder kritisieren. Nach dem Match habe ich einst mit Trainer Lucien Favre fraternisiert („Il est mon grand ami, Lucien Favre“), dem enttäuschenden Argentinier Francisco „Panchito“ Guerrero ein Willkommensständchen gesungen, mit Ivan Quentin über Walliser Weinbau gefachsimpelt (und das als Laie… ), habe gesehen, wie ein Groupie den schönen „secondo“ und Aussenverteidiger Franco „Flanko“ di Jorio anhimmelte, schliesslich den eitlen Geck und Spanienschweizer Pascal Castillo zusammengestaucht, nachdem dieser in blossen Unterhosen vor seinen weiblichen Fans erschienen war. Habe mit Gotcha Jamarauli, dem genialen Georgier mit den Zuckerpässen, zusammen stundenlang geschwiegen. Und „Freddy“ Chassot, dem flinken Dribbler und Zürcher Publikumsliebling, kühn zugeprostet.

Wir waren dabei stets als Gruppe präsent, von den offiziellen Fanclubs pauschal mit „die Linken“ bezeichnet. Der „Fanclub Letzi“ war im Gegensatz dazu rechts, sein Präsident, der mit seinen weissblonden Haaren schon arisch aussah, war Mitglied der „Nationalen Aktion“ (NA, später „Schweizer Demokraten“ SD) und bei seinen treuen Jungs auf Stimmenfang aus. Wir waren keine Punks, eher Studenten, Arbeiter, Bürolisten, dennoch hatten wir eine grosse Klappe und wagten es sogar, gegen Trainer Raimondo Ponte zu intrigieren.

Höhepunkt war aber ein „Klassiker“ gegen den FC Basel, der wie immer die Emotionen hochgehen liess. Nach dem Spiel treu vor der geliebten „Flachpassbar“ versammelt, lauerten wir auf die Basler Spieler, um denen gehörig die Leviten zu lesen. Basel stand am Beginn einer langen, jahrzehntelangen Dominanz, bedingt durch viele Zuschauer (Schnitt ca. 25000), ein neues Stadion und unendlich viel Geld von Sponsorin „Gigi“ Oehri, die einen Chemieboss geehelicht hatte und nun Millionen investierte.

Plötzlich erschien nun Basels Mittelfeldmotor Mario Cantaluppi in unserer „Schnaagweite“. Da stimmte ein Experte der Gruppe ein Schmählied an: „Din Brueder chan nid boxe, lololo lolo.“. Was wir nicht ahnten: Wir hatten die Büchse der Pandora geöffnet. Mario Cantaluppis Bruder war nämlich ein mehr oder weniger erfolgloser, zweitklassiger Mittelgewichtsboxer, Fallobst. Da, aus dem Off, prescht wie eine Furie ein sichtlich erzürnter Bruder, ebendieser Boxer, hinter einem Bus hervor und droht mir, anderen, allen, ballt grimmig die Faust, geifert. Angst allenthalben. Doch Mario Cantaluppi, das muss man ihm lassen und hoch anrechnen, bleibt cool, besänftigt den Eiferer, beruhigt die Situation. Die Situation deeskaliert. Glück gehabt. Aufatmen.

Zu den vielen Planungsfehlern des neuen Stadions Letzigrund gehört es, dass keine echte Stadionbeiz mehr besteht. Die dritte Halbzeit ist um so viel langweiliger geworden.

 


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