BRÄNDLES BALLBERICHT


 

 

Schlaks, Schnauz, Fuchs

Charakterisierung eines Spielertypus in der Ära des Lederballs

 

Fabian Brändle

 

Das Mittelfeld des heutigen Weltfussballs wird beherrscht von Athleten vom Schlage eines Paul Pogba, wuchtigen Schränken, die sich zur berüchtigten Doppelsechs vereinigen und jedem kreativen Regisseur den Platz zum Tricksen sowie den Schnauf rauben. Angefangen hat diese unselige Entwicklung, so will es zumindest meine Erinnerung, an den Weltmeisterschaften des Jahres 1998 mit Frankreichs Patrick Vieira und Marcel Desailly, die Zinedine Zidanes Kapriolen eisern und knallhart gegen hinten absicherten. Die genannten beiden Spieler waren ihren unmittelbaren Gegenspielern körperlich und konditionell haushoch überlegen.

Endgültig vorbei war sie nun, die Epoche des Schlaks, des dünnbeinigen, schmalbrüstigen, feingliedrigen, hochaufgeschossenen Spielertypus, der Wucht durch List, Athletik durch Technik und Übersicht zu ersetzen wusste. Seine bevorzugte Fusszone war der Aussenrist, er beherrschte den Freistoss aus 25 Metern ebenso gut wie den Doppelpass oder den Absatzkick. Zudem stiftete er Verwirrung bei der auf Tempo eingestellten gegnerischen Verteidigung und war jederzeit für ein Tor gut.

Ich bin Jahrgang 1970 und habe noch einige dieser Schlakse live miterleben dürfen, in der Schweiz, in Jugoslawien, in Polen, weniger in Deutschland und in England. Auch Sie dürften sich an den ein oder anderen Schlaks erinnern, falls Sie in meinem Alter sind, zum Beispiel an den Sowjet von Dynamo Kiew, Aleksander Michailitschenko. Und dann war da noch etwas: Viele Schlakse trugen einen markanten, oftmals buschige Schnauz, manchmal gar einen Matrosenschnurrbart. Diese markante Oberlippenhaarpracht machte sie noch schlauer, unberechenbarer, liess sie zu wahren Füchsen des Weltfussballs avancieren.

Ich kann Ihnen einige Beispiele mit Aha-Effekt nennen:

Bernard Genghini, den genialen französischen Mittelfeldspieler, der stets ein wenig im Schatten von Michel Platini, Jean Tigana und Alain Giresse stand, im Zentrum nichtsdestotrotz die Fäden zog und einmal an einem WM-Spiel des Jahres 1982 gegen Österreichs machtlosen Torhüter „Friedl“ Koncilia in einem Zwischenrundenspiel einen wunderbaren Freistoss aus rund 27 Metern ins Lattenkreuz drehte. Als Routinier wechselte Bernard Genghini in die Schweiz zu Servette Genf und verzauberte dort am Lac Leman im Stadion Charmilles auch das durchaus verwöhnte Westschweizer Publikum.

Laszlo Fazekas, den ungarischen Flügelstürmer und unberechenbarer Dribbler mit den unzähligen Tricks, der an einem wichtigen Qualifikationsspiel zur Weltmeiserschaft 1982 in Spanien die überforderte Schweizer Verteidigung mehrmals beinahe alleine aushebelte, indem er halbhohen, langen Bällen entgegenlief und diese steil gegen vorne abtropfen liess, worauf ein ungarischer Stürmer mutterseelenalleine gegen das Tor losziehen konnte. Das Schlussresultat im Nepstadion zu Budapest war sehr deutlich: 3-0 für Ungarn.

Marek Lesniak war ein Pole, der in der Bundesliga und bei Xamax Neuenburg für Furore sorgte. Er war verhältnismässig kaltblütig und beherrschte ein eindrückliches Arsenal an Abschlusstechniken, darunter den Lob. Gerne schnibbelte Marek Lesniak den Ball über den heraushechtenden Torhüter hinweg ins Tor.

Andrzey Szarmach ist ein weiterer Pole, der im fussballerisch hohen Alter in den Westen wechselte und hier Trickreichtum mit Torgefahr verband. Er würde der polnischen Auswahl heutzutage gut anstehen, denn dieses Team gleicht einem Haufen kurzgeschorener, knapp zwei Meter grosser Kickboxer.

Schlakse ohne Schnauz waren beispielsweise der lange, dünne, schwarze Portugiese Jordao von Sporting Lissabon, der an den Europameisterschaften 1984 in Frankreich brillierte und sich mit den Lusitaniern den dritten Rang sicherte. Oder der bosnische Mittelfeldspieler und Regisseur Mehmed Bazdarevic von Zeljecnicar Sarajevo, der später in Frankreich beim FC Sochaux wirkte und zu einer herausragenden Nummer Zehn avancierte.

Schlakse mit oder ohne Schnauz waren Farbtupfer im Fussball. Sie waren Trickser und langsame Dribbler, Nonkonformisten, Symbole der Entschleunigung der Welt, nicht unbedingt die ultimativen Kämpfer. Dennoch hatten sie ihre treue Fangemeinde. Sie waren beliebt, weil sie anders waren, eine diverse Note ins Spiel brachten und die ohnehin hohen Erwartungshaltungen der Fans oftmals mit einem Aussenristpässchen in die Gasse noch zu sprengen vermochten.


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